Was bedeutet es wirklich, in Österreich Professorin oder Professor zu werden? Lange war der Weg klar: Doktorat, dann Jahre als Assistentin, Habilitation schreiben, warten, hoffen. Heute gibt es eine neue, strukturierte Alternative: den Tenure Track. Seit 2015 ist er offiziell Teil des österreichischen Hochschulsystems - und er verändert, wie junge Wissenschaftler:innen ihre Karriere planen.
Was ist Tenure Track wirklich?
Das ist neu. Früher konnten Assistent:innen jahrelang arbeiten, ohne zu wissen, ob sie jemals eine Festanstellung bekommen würden. Manchmal wurde die Habilitation zur lebenslangen Arbeit ohne Sicherheit. Tenure Track macht das sichtbar: Du bekommst eine befristete Stelle, und du weißt genau, was du in sechs Jahren erreichen musst, um weiterzukommen.
Wie funktioniert der Weg?
Der Standardweg dauert sechs Jahre. Das ist in Europa üblich. Die Stelle beginnt meist als asoziierte Professorin oder Assistant Professor. In dieser Phase musst du vier Dinge beweisen:
- Wissenschaftliche Leistung: Hochwertige Publikationen in renommierten Fachzeitschriften, eigenständige Forschungsprojekte, Drittmittel einwerben.
- Lehrkompetenz: Du hältst Vorlesungen, betreust Studierende, entwickelst Lehrkonzepte - und das gut.
- Akademische Selbstverwaltung: Du engagierst dich in Gremien, arbeitest in Ausschüssen mit, hilfst bei der Gestaltung des Studiums mit.
- Führungskompetenz: Du leitest Projekte, betreust Doktorand:innen, baust ein Team auf - nicht nur alleine forschen, sondern führen.
Diese Kriterien orientieren sich an internationalen Standards, etwa den Richtlinien der LERU (League of European Research Universities). Es geht nicht nur um Zahlen, sondern um Qualität und Eigenständigkeit. Wer hier nur zählt, wie viele Artikel er schreibt, scheitert - wer zeigt, dass seine Forschung einen echten Beitrag leistet, hat die besseren Chancen.
Die drei Modelle in Österreich
Nicht jede Universität macht es gleich. Es gibt drei verschiedene Tenure-Track-Modelle:
- Modell 1: Du wirst assoziierte Professorin - und bleibst dabei. Keine weitere Beförderung möglich. Das ist selten, aber manchmal bei speziellen Forschungsprofilen.
- Modell 2: Die assoziierte Professur ist nur eine Zwischenstufe. Danach kannst du dich für eine volle Professur bewerben - aber nur, wenn du den Tenure Track erfolgreich abschließt.
- Modell 3: Direkter Weg zur vollen Professur. Du startest als Assistant Professor und kommst nach sechs Jahren direkt zur ordentlichen Professorin - vorausgesetzt, du überzeugst in der Abschlussbewertung.
Die meisten Universitäten nutzen Modell 2. Das heißt: Du hast zwei Etappen. Erst die Zwischenstufe, dann die Endstufe. Aber der entscheidende Punkt bleibt: Die Übernahme in eine Lebenszeitprofessur erfolgt ohne neue Ausschreibung. Das ist der große Vorteil gegenüber dem alten System.
Wann wird bewertet?
Es gibt nicht nur eine Prüfung am Ende. Meist gibt es Zwischenevaluierungen - aber das variiert stark. An der Universität Wien erfolgen sie nach zwei und vier Jahren. Andere Hochschulen evaluieren erst nach fünf Jahren. Einige machen sogar eine dritte Zwischenprüfung.
Was viele nicht wissen: Die Zwischenevaluation ist fast immer positiv. Laut Forschung & Lehre werden 98 Prozent der Kandidat:innen weitergeleitet. Das bedeutet nicht, dass es leicht ist. Es bedeutet, dass das System darauf ausgelegt ist, nur diejenigen abzulehnen, die wirklich nicht auf Kurs sind. Wer die ersten Jahre gut übersteht, hat eine hohe Chance - aber die letzte Hürde ist die härteste.
Die finale Bewertung nach sechs Jahren entscheidet endgültig. Hier wird alles zusammengezählt: Publikationen, Lehre, Führung, Eigenständigkeit. Wer hier nicht überzeugt, verliert die Stelle - und muss sich neu orientieren.
Wer kann sich bewerben?
Ein abgeschlossenes Doktorat ist Pflicht. Dazu brauchst du mindestens zwei Jahre Post-Doc-Erfahrung - entweder an einer Universität oder einer Forschungseinrichtung. Aber das ist nur das Minimum. Eliteuniversitäten erwarten längere, international sichtbare Karrierewege - oft so anspruchsvoll wie eine Habilitation.
Wichtig: Ein Hausberufungsverbot gilt. Du darfst nicht direkt von deiner eigenen Universität weiterarbeiten. Du musst entweder an einer anderen Hochschule gearbeitet haben oder mindestens zwei Jahre außerhalb deiner Doktoratsuniversität geforscht haben. Das soll sicherstellen, dass du dich international vernetzt hast - und nicht nur in einem engen Kreis.
Tenure Track vs. Habilitation: Was ist besser?
Die alte Methode: Du machst deinen Doktorat, arbeitest als Assistent, schreibst eine zweite große Schrift (die Habilitation), bewirbst dich um eine Professur - und hoffst, dass du ausgewählt wirst. Es gibt keine Garantie. Keine klare Frist. Keine strukturierte Unterstützung.
Der Tenure Track bietet Planungssicherheit - aber auch hohen Druck. Du hast sechs Jahre, um alles unter einen Hut zu bringen. Keine Zeit für längere Forschungsprojekte, die erst nach acht Jahren Ergebnisse liefern. Keine Zeit, um eine Pause zu machen, wenn du krank bist oder eine Familie gründest.
Der große Unterschied: Beim Tenure Track ist die Übernahme in eine Professur rechtsverbindlich, wenn du die Kriterien erfüllst. Das nennt man echten Tenure Track. Einige Universitäten bieten aber nur einen unechten Weg: Da steht zwar „möglich“ drin, aber keine Garantie. Das ist kein echter Karriereweg - das ist eine Verlängerung der Befristung.
Warum ist das System noch nicht perfekt?
Es gibt zwei große Probleme. Erstens: Die Heterogenität. Jede Universität macht es anders. Die Kriterien, die Fristen, die Modelle - alles variiert. Das macht es schwer, sich zu orientieren. Wer sich von Innsbruck nach Graz bewirbt, muss neu lernen, was er braucht.
Zweitens: Die Disziplinenunterschiede. Wer in der Physik forscht, kann in sechs Jahren viele Publikationen schreiben. Wer in der Geschichte, Soziologie oder Medizin arbeitet, braucht oft mehr Zeit. Ein Buch, eine Langzeitstudie, eine umfangreiche Feldforschung - das passt nicht in das 6-Jahres-Raster. Und das wird oft ignoriert.
Experten wie Ingeborg Riedmaier oder Luksche (2025) fordern deshalb einheitliche Mindeststandards. Ein bundesweiter Rahmen, der klarmacht: Was zählt? Wie wird bewertet? Was ist ein echter Beitrag? Ohne das bleibt das System unfair - und für viele unmöglich.
Was bedeutet das für dich?
Wenn du in Österreich Wissenschaftler:in werden willst, hast du heute zwei Wege. Der eine ist alt, langsam, unsicher. Der andere ist neu, strukturiert, aber hart. Der Tenure Track ist kein leichter Weg - aber er ist ein transparenter. Du weißt, was du tun musst. Du hast ein Ziel. Und du hast eine Frist.
Er ist besonders attraktiv für internationale Bewerber:innen. Wer aus dem Ausland kommt, sucht nach Sicherheit. Wer aus Deutschland oder den Niederlanden kommt, kennt ähnliche Systeme. Wer aus Österreich stammt und nur an einer Uni geforscht hat, muss erst lernen: Du musst rausgehen, dich beweisen, dich vernetzen.
Die Zahl der Tenure-Track-Stellen ist seit 2016 gestiegen - dank des Bund-Länder-Programms. Aber an manchen Universitäten, etwa in Wien, sind sie immer noch selten. Nur ein kleiner Teil des wissenschaftlichen Mittelbaus ist in diesem System eingebunden. Das ist ein Problem. Denn wer nicht im Tenure Track ist, hat weniger Chancen, später eine Festanstellung zu bekommen.
Es gibt kein „richtig“ oder „falsch“. Aber es gibt einen klaren Trend: Die Zukunft der akademischen Karriere in Österreich liegt im Tenure Track. Nicht weil er perfekt ist - sondern weil er transparenter ist. Und Transparenz ist das, was junge Wissenschaftler:innen heute am meisten brauchen: Klarheit.
Was kommt als Nächstes?
Die Diskussion geht weiter. Werden die Universitäten bald einheitliche Regeln einführen? Wird es für langfristige Forschung Ausnahmen geben? Werden Eltern- oder Pflegezeiten in die Bewertung einbezogen? Das sind die Fragen, die jetzt entscheidend sind.
Wenn du dich bewirbst, lies die Ausschreibung genau. Frag nach den konkreten Kriterien. Frag, ob es ein echter Tenure Track ist. Frag, wie viele vor dir erfolgreich waren. Und frag dich: Kann ich das? Nicht nur, ob ich es will - sondern ob ich es schaffen kann, unter diesen Bedingungen.
Was ist der Unterschied zwischen echtem und unechtem Tenure Track?
Echter Tenure Track garantiert dir rechtsverbindlich eine unbefristete Professur, wenn du die Kriterien erfüllst. Du bekommst die Stelle ohne neue Ausschreibung. Unerwartet Tenure Track sagt nur „möglich“ - aber keine Verpflichtung. Die Universität kann dich trotz Erfolg ablehnen. Nur echter Tenure Track ist ein echter Karriereweg.
Kann man Tenure Track auch ohne Doktorat machen?
Nein. Ein abgeschlossenes Doktorat (PhD) ist die absolute Voraussetzung. Ohne Promotionsabschluss kannst du dich nicht für eine Tenure-Track-Stelle bewerben. Dazu brauchst du mindestens zwei Jahre Post-Doc-Erfahrung - also Zeit nach dem Doktorat, in der du eigenständig geforscht hast.
Warum muss man außerhalb der eigenen Universität forschen?
Das sogenannte Hausberufungsverbot soll verhindern, dass du nur in deinem alten Umfeld bleibst. Du sollst dich international vernetzen, neue Methoden lernen, andere Perspektiven kennenlernen. Wer nur an einer Uni gearbeitet hat, hat oft ein zu enges Forschungsfeld. Das System will Vielfalt und Exzellenz - nicht Reproduktion.
Gibt es Tenure Track auch an Fachhochschulen?
Nein. Tenure Track existiert nur an Universitäten und Universitätslehreinrichtungen, die gemäß dem Universitätsorganisationsgesetz (UOG) staatlich anerkannt sind. Fachhochschulen haben eigene Karrierepfade - meist mit Lehr- und Forschungsprofessuren, aber ohne den sechsjährigen Evaluationszyklus.
Wie hoch ist die Abschlussquote?
Die Abschlussquote liegt bei etwa 60 bis 70 Prozent, je nach Universität. Das bedeutet: Etwa ein Drittel der Kandidat:innen scheitert am Ende. Die Zwischenevaluation wird von fast allen bestanden - aber die finale Prüfung ist hart. Hier entscheidet sich, ob deine Forschung international relevant ist, ob deine Lehre überzeugt und ob du Führung übernehmen kannst.
1 Kommentare
Stefan Lohr
Der Tenure-Track-Ansatz ist strukturell sinnvoll, aber die Umsetzung in Österreich bleibt inkonsistent. Die Heterogenität zwischen den Universitäten untergräbt das Potenzial des Systems. Ein bundesweiter Rahmen mit einheitlichen Kriterien wäre nicht nur fairer, sondern auch effizienter. Sonst bleibt es ein Glücksspiel, an welcher Uni man landet.