Lehrerarbeitsmarkt Österreich 2026: Wo fehlen Lehrer, welche Fächer sind gesucht und wie sieht die Zukunft aus?

Stellen Sie sich vor, Sie haben Ihr Lehramt abgeschlossen, sind gut vorbereitet und bewerben sich auf eine Stelle. In manchen Bundesländern wird Ihnen sofort eine Position angeboten - in anderen warten Sie monatelang oder müssen akzeptieren, dass Ihre Klasse von einer nicht voll qualifizierten Aushilfe geführt wird. Das klingt nach einem Paradoxon? Genau das ist die Realität des aktuellen Lehrerarbeitsmarktes in Österreich.

Wir stehen im Jahr 2026 mitten in einer der größten demografischen Verschiebungen, die das österreichische Bildungssystem je erlebt hat. Einerseits gehen massenhaft erfahrene Kolleginnen und Kollegen in Pension. Andererseits steigen die Schülerzahlen wieder an. Die Folge: Ein extremer Mangel an Fachkräften, aber mit großen regionalen und fachlichen Unterschieden. Wenn Sie studieren, wechseln möchten oder einfach verstehen wollen, warum die Schule Ihrer Kinder so funktioniert (oder auch nicht), ist dieser Artikel Ihre Landkarte durch den Dschungel aus Prognosen, Lücken und Chancen.

Die große Wende: Warum wir jetzt so viele Lehrer brauchen

Es ist kein Zufall, dass der Ruf nach Lehrern gerade jetzt so laut ist. Es handelt sich um einen perfekten Sturm aus drei Faktoren. Erstens: Die sogenannte Baby-Boomer-Generation verlässt den Beruf. Laut Daten des Bundesministeriums für Bildung, Wissenschaft und Forschung (BMBWF) und Analysen des Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung (WIFO) geht ein Drittel aller derzeit etwa 120.000 Lehrkräfte bis 2027 in Pension. Das sind keine abstrakten Zahlen, sondern echte Unterrichtsstunden, die ersetzt werden müssen.

Zweitens: Die Schülerzahl steigt. Nach Jahren des Rückgangs sehen wir seit einigen Jahren wieder mehr schulpflichtige Kinder. Prognosen sprechen von einem Zuwachs von über 5 % im kommenden Jahrzehnt. Mehr Köpfe auf den Bänken bedeuten mehr Unterrichtsstunden.

Drittens: Der Trend zur Teilzeitbeschäftigung nimmt zu. Viele Lehrkräfte arbeiten aus familiären Gründen oder zum Ausgleich nur noch halbtags. Das bedeutet, dass für dieselbe Anzahl an Stunden mehr Personen benötigt werden als früher. Während früher vielleicht zwei Vollzeitkräfte eine Schule bedient haben, braucht es heute drei oder vier Teilzeitkräfte, was die Personalverwaltung komplexer und anfälliger macht.

Pensionsprognosen nach Schulstufen (in Wochenstunden)
Schulstufe Pensionierungen 2023 Pensionierungen 2024 Pensionierungen 2030 (Prognose)
Primarstufe (Volksschule etc.) ca. 23.100 ca. 22.900 ca. 19.000
Sekundarstufe (AHS, Mittelschule etc.) ca. 62.600 ca. 57.500 ca. 43.200

Wie Sie der Tabelle entnehmen können, war der Höhepunkt der Abgänge bereits zwischen 2023 und 2024. Doch das löst das Problem nicht sofort. Bis diese Stellen neu besetzt und die neuen Kräfte eingearbeitet sind, bleibt die Lage angespannt. Besonders kritisch ist dabei die Diskrepanz zwischen ministeriellen Schätzungen und denen der Gewerkschaften, die ursprünglich erst 2026 mit dem Gipfel rechneten. Diese Verzögerung in der Planung hat dazu geführt, dass Reserven oft schneller ausgeschöpft waren als erwartet.

Regionale Unterschiede: Wo ist Platz, wo herrscht Mangel?

Wenn man vom „Lehrermangel“ spricht, denkt man oft an ein landesweites Phänomen. Die Wahrheit ist jedoch viel nuancierter. Der Arbeitsmarkt für Lehrer in Österreich gleicht einem Flickenteppich. In einigen Regionen ist die Suche nach einer Stelle ein Kinderspiel, in anderen kämpfen Schulen darum, überhaupt Unterricht anbieten zu können.

Wien steht hier besonders im Fokus. Als größte Stadt und Ballungsraum hat Wien mit spezifischen Herausforderungen zu kämpfen. Hier konzentriert sich ein Großteil des Mangels, insbesondere an Volksschulen und Sonderschulen. Parlamentarische Anfragen haben bereits dramatische Ausmaße beschrieben, bei denen Klassen häufig von Quereinsteigern oder Aushilfskräften ohne volle Qualifikation geführt wurden. Die hohe Fluktuation und die sozialen Belastungen in städtischen Schulen machen es schwieriger, langfristig engagiertes Personal zu halten.

Ganz anders sieht es in ländlicheren Gebieten oder kleineren Bundesländern aus. Kärnten, Steiermark oder Teile von Oberösterreich berichten oft von einer entspannteren Lage. Manchmal liegt das daran, dass dort weniger Bewerber*innen leben oder dass die Schulen aufgrund neuer gesetzlicher Vorgaben flexibler agieren können. So erlaubt Kärnten beispielsweise unter bestimmten Bedingungen den Einsatz von Absolvent*innen ohne klassische Lehramtsausbildung, was den Pool an verfügbaren Kandidaten erweitert.

Auch Niederösterreich und das Burgenland konnten in jüngster Vergangenheit viele offene Stellen besetzen. Dennoch gilt: Selbst in diesen „entspannten“ Regionen gibt es Nischen, in denen niemand gefunden wird. Oft sind das sehr spezifische Fächerkombinationen oder abgelegene Standorte, die wenig attraktiv erscheinen. Wer bereit ist, außerhalb der Großstädte zu leben, hat also deutlich bessere Karten.

Illustration eines Lehrers auf Seilbalancier zwischen Pensionierung, Schülerwachstum und Teilzeit

Fachspezifischer Bedarf: Welche Fächer sind Gold wert?

Nicht jeder Lehrer fehlt gleich stark. Wenn Sie wissen, welches Fach Sie studieren oder unterrichten, können Sie Ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt erheblich verbessern. Die Plattform klassejob des BMBWF liefert hier klare Signale.

Rund 50 % des jährlichen Bedarfs an neuen Lehrkräften entfallen auf vier Kernfächer:

  • Mathematik
  • Englisch
  • Deutsch
  • Bewegung und Sport

Bewerber*innen, die mindestens eines dieser Fächer belegen, haben statistisch gesehen die höchsten Anstellungschancen. Warum genau diese? Weil sie in fast jeder Schulform und an jedem Jahrgangsstück gelehrt werden müssen. Eine Mathematiklehrerin kann sowohl an der Volksschule als auch an der AHS Oberstufe eingesetzt werden - ihre Flexibilität ist hoch.

Doch es gibt weitere Bereiche mit akutem Mangel:

  • MINT-Fächer (Naturwissenschaften & Technik): Physik, Chemie und Biologie sind stark nachgefragt, da hier oft spezielle Laborkenntnisse nötig sind, die nur wenige Quereinsteiger mitbringen.
  • Informatik: Mit der Digitalisierung der Schulen wächst der Bedarf an kompetenten IT-Lehrkräften rasant.
  • Sonderpädagogik: Da immer mehr Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf in regulären Klassen lernen, fehlen Experten, die diese Integration unterstützen können.
  • Deutsch als Zweitsprache (DaZ): Aufgrund der zunehmenden Diversität in den Klassenzimmern ist dieses Fach kaum noch wegzudenken.

Im Gegensatz dazu sind musisch-ästhetische Fächer wie Musik oder Bildnerische Erziehung oft besser besetzt, wobei auch hier regionale Schwankungen vorkommen. Wenn Sie unsicher sind, welches zweite Fach Sie wählen sollen, schauen Sie auf diese Liste. Eine Kombination wie „Deutsch und Sport“ oder „Mathe und Englisch“ macht Sie auf dem Arbeitsmarkt praktisch unverwundbar.

Prognosen bis 2030: Wird es besser oder schlechter?

Viele fragen sich: Ist das nur eine kurzfristige Krise? Die Antwort lautet: Nein, es ist eine strukturelle Veränderung. Das WIFO prognostiziert für Lehrkräfte im Primar- und Vorschulbereich ein durchschnittliches Beschäftigungswachstum von +0,8 % pro Jahr bis 2030. Das klingt nach wenig, entspricht aber einem Zuwachs von rund 3.900 neuen Stellen. Im Vergleich dazu wächst der gesamte österreichische Arbeitsmarkt nur um 0,7 %. Das Bildungswesen expandiert also schneller als der Rest der Wirtschaft.

Für die Sekundarstufe ist die Situation noch dynamischer. Das Arbeitsmarktservice (AMS) rechnet damit, dass bis 2034 fast die Hälfte der derzeitigen Lehrkräfte in Ruhestand gehen wird. Das erzeugt einen enormen Ersatzbedarf. Gleichzeitig steigt die Nachfrage nach Ganztagsbetreuung und qualitativen Verbesserungen, wie kleineren Gruppen.

Eine besondere Rolle spielt hierbei die Elementarpädagogik. Kindergärten konkurrieren direkt mit Schulen um Personal. Bis 2030 werden laut BMBWF-Studien rund 13.700 zusätzliche Elementarpädagog*innen allein benötigt, um den Status quo zu halten. Bei höheren Qualitätsansprüchen könnte die Lücke sogar bei 20.200 liegen. Das bedeutet: Wenn Sie pädagogisch interessiert sind, müssen Sie sich bewusst entscheiden, ob Sie lieber mit Kleinkindern oder mit Schulkindern arbeiten wollen, da beide Märkte um dieselben Talente werben.

Lehrer für Mathe, Englisch, Sport und Informatik in hellen, modernen Unterrichtssituationen

Tipps für Bewerbern und Studierende: Wie Sie erfolgreich sind

Wenn Sie selbst in den Beruf einsteigen wollen, nutzen Sie die aktuelle Marktlage strategisch. Hier sind konkrete Schritte, die Ihre Chancen erhöhen:

  1. Wählen Sie gefragte Fächerkombinationen: Wie oben erwähnt, sind Mathe, Englisch, Deutsch und Sport die Königsdisziplinen. Kombinieren Sie diese mit einem zweiten Fach, das ebenfalls Bedarf hat (z.B. Informatik oder DaZ).
  2. Seien Sie geografisch flexibel: Wenn Sie in Wien bleiben wollen, müssen Sie extrem konkurrenzfähig sein. Wenn Sie bereit sind, ins Umland oder in andere Bundesländer zu ziehen, erhalten Sie oft bevorzugte Behandlung. Viele Bildungsdirektionen suchen aktiv nach mobilen Kräften.
  3. Nutzen Sie die Plattform klassejob: Hier finden Sie detaillierte Informationen zu offenen Stellen und Bedarfsregionen. Registrieren Sie sich frühzeitig und aktualisieren Sie Ihr Profil regelmäßig.
  4. Berücksichtigen Sie Quereinstiegsmöglichkeiten: Falls Sie bereits einen Universitätsabschluss in einem relevanten Fach haben, prüfen Sie die Möglichkeiten eines verkürzten Lehramtsstudiums oder eines Quereinstiegsprogramms. Das Ministerium setzt zunehmend auf solche Wege, um schnell Personal zu gewinnen.
  5. Achten Sie auf die Praxisphase: Sammeln Sie während des Studiums so viel Praxiserfahrung wie möglich. Schulen bevorzugen Kandidat*innen, die bereits wissen, wie ein Klassenzimmer tickt.

Denken Sie auch daran, dass die Attraktivität des Berufs neben der Entlohnung stark von der Arbeitsbelastung abhängt. Überstunden und administrative Lasten sind reale Probleme. Informieren Sie sich im Vorstellungsgespräch offen über die Unterstützungssysteme der jeweiligen Schule.

Häufige Fragen zum Lehrerarbeitsmarkt

Ist der Lehrermangel in Österreich dauerhaft?

Ja, zumindest mittelfristig. Durch die massive Pensionswelle, die bis 2034 anhält, und den steigenden Schülerzahlen wird der Bedarf an Lehrkräften bis mindestens 2030 hoch bleiben. Kurzfristige Entspannungssignale, wie erhöhte Bewerberzahlen 2025, ändern nichts an der strukturellen Unterdeckung, besonders in Ballungsräumen und bestimmten Fächern.

In welchen Bundesländern sind Lehrer am meisten gesucht?

Der akuteste Mangel besteht in Wien, gefolgt von Teilen Salzburgs, Vorarlbergs und Oberösterreichs. In ländlicheren Regionen wie Kärnten, Steiermark oder Niederösterreich ist die Lage oft entspannter, wobei es auch dort Nischenbedarfe gibt. Wien leidet besonders unter dem Mangel an Volksschullehrkräften und Sonderpädagogen.

Welche Fächer haben die besten Jobaussichten?

Die absolut gefragtesten Fächer sind Mathematik, Englisch, Deutsch und Bewegung und Sport. Zusammen decken sie etwa 50 % des Bedarfs ab. Darüber hinaus sind MINT-Fächer (Physik, Chemie, Biologie), Informatik, Sonderpädagogik und Deutsch als Zweitsprache stark nachgefragt.

Kann ich als Quereinsteiger Lehrer werden?

Ja, das BMBWF fördert Quereinstiege, um den Personalmangel zu bekämpfen. Wenn Sie einen akademischen Abschluss in einem relevanten Fach haben, können Sie oft ein verkürztes Lehramtsstudium absolvieren oder über spezielle Programme in den Schuldienst eintreten. Dies ist besonders in Mangelregionen und -fächern erleichtert.

Warum gibt es trotz vielen Bewerbern immer noch Lehrermangel?

Oft passt die Qualifikation nicht genau zur Anforderung. Zudem verteilen sich Bewerber ungleich: Alle wollen in Wien oder in beliebte Städte, während ländliche Regionen leerlaufen. Auch die Zunahme von Teilzeitarbeit bedeutet, dass mehr Personen benötigt werden, um denselben Stundenplan abzudecken, was die Verwaltung erschwert.