Wissenschaft sollte frei zugänglich sein. Das klingt nach einem klaren Ziel, aber wer in Österreich forscht, stolpert schnell über ein komplexes Geflecht aus Regeln, Lizenzen und Förderbedingungen. Die gute Nachricht: Österreich ist international gesehen ein Vorreiter im Bereich Open Access. Die schlechte Nachricht: Was genau „frei verfügbar“ bedeutet, hängt stark davon ab, woher man die Daten bezieht und welche Policy gerade gilt.
Du bist Forschende, Doktorand oder Professor und fragst dich, wie du deine Arbeit veröffentlichst, ohne gegen Vorgaben des Österreichischen Wissenschaftsfonds (FWF) zu verstoßen?
In diesem Artikel schauen wir uns an, was sich seit der Einführung von Plan S geändert hat, welche Wege für deine Publikation offen stehen und wie du mit den neuen Open-Access-Pauschalen umgehst. Wir gehen dabei konkret auf die Situation an österreichischen Universitäten ein - von Wien über Graz bis hin zur TU Wien.
Der aktuelle Stand: Wo steht Österreich bei Open Access?
Zuerst einmal: Wie gut machen wir es eigentlich? Hier gibt es eine spannende Diskrepanz. Eine Analyse des ERA Portal Austria aus dem Jahr 2020 zeigte eine beeindruckende Quote von rund 75 % Open-Access-Publikationen für Österreich. Das würde uns weltweit an die Spitze katapultieren.
Allerdings sagt eine Auswertung von SciVal auf Basis von Scopus-Daten für das Jahr 2024 nur einen Anteil von 55 % aus. Warum dieser Unterschied? Es liegt an den Definitionen und Datenquellen. Während das ERA-Portal oft breitere Quellen nutzt, ist Scopus strenger. Beide Zahlen zeigen jedoch eines: Österreich liegt deutlich über dem globalen Durchschnitt. Das Ziel der nationalen Strategie war es ursprünglich, bis 2025 die gesamte wissenschaftliche Publikationstätigkeit auf Open Access umzustellen. Ob dieses harte Ziel vollständig erreicht wurde, wird debattiert, aber der Trend ist klar: Wir bewegen uns in Richtung vollständiger Offenheit.
Die drei Wege zum Open Access
Wenn du eine Studie fertig hast, stehst du vor einer Entscheidung: Wie veröffentlichst du sie? Der FWF und die meisten österreichischen Universitäten erkennen drei gleichwertige Wege an. Welcher für dich passt, hängt vom Verlag, deinem Budget und der Dringlichkeit ab.
- Gold Open Access: Du veröffentlichst direkt in einer Zeitschrift, die komplett Open Access ist. Diese Journale sollten im Directory of Open Access Journals (DOAJ) gelistet sein. Der Vorteil: Sofort verfügbar. Der Nachteil: Oft fallen Article Processing Charges (APCs) an, also Gebühren, die entweder du oder deine Institution zahlen müssen.
- Hybrid Open Access: Du veröffentlichst in einer traditionellen Subskriptionszeitschrift, zahlst aber eine Gebühr, damit dein einzelner Artikel frei lesbar ist. Achtung: Dies ist nur erlaubt, wenn ein sogenanntes transformatives Abkommen zwischen deiner Universität/dem FWF und dem Verlag besteht. Ohne solch ein Abkommen kann dies als doppelte Bezahlung gewertet werden.
- Green Open Access: Du veröffentlichst im klassischen Modell und lädst das sogenannte „Author Accepted Manuscript“ (das Manuskript nach Peer Review, aber vor dem Layout des Verlags) in ein Repositorium hoch. Wichtig: Seit der Umsetzung von Plan S sind Embargofristen (also Wartezeiten, bevor der Text online darf) meist nicht mehr zulässig. Es muss sofort passieren.
Egal welchen Weg du wählst: Die Lizenz ist entscheidend. In den meisten Fällen, besonders bei FWF-Projekten, ist die Creative-Commons-Lizenz CC BY vorgeschrieben. Sie erlaubt anderen, deine Arbeit zu nutzen, solange sie dich als Autor nennen. Nur in begründeten Ausnahmefällen ist CC BY-ND (keine bearbeiteten Versionen) erlaubt.
Die FWF-Policy: Dein wichtigster Regelrahmen
Der Österreichische Wissenschaftsfonds (FWF) ist hier der strenge Lehrer. Schon 2006 führte er eines der weltweit ersten verbindlichen Open-Access-Mandate ein. Für alle Projekte, die nach dem 31. Dezember 2020 bewilligt wurden, gelten jetzt die harten Richtlinien von Plan S.
Was bedeutet das konkret für dich?
- Verpflichtung: Alle referierten Publikationen aus FWF-Projekten müssen ohne zeitliche Verzögerung (embargo-free) im Internet frei zugänglich sein.
- Lizenz: Zwingend CC BY oder eine gleichwertig freie Lizenz.
- Finanzierung: Seit dem 1. Jänner 2024 gibt es die sogenannte Open-Access-Pauschale (OAP). Damit können Projektleitende APCs projektbezogen pauschal abrechnen, ohne jeden einzelnen Antrag genehmigen zu lassen. Das erspart viel Bürokratie.
- Nachweis: Im Abschlussbericht musst du persistente Identifikatoren (wie DOIs) angeben, damit geprüft werden kann, ob die Compliance eingehalten wurde.
Vergiss nicht: Auch Forschungsdaten gehören dazu. Wenn Daten einer Publikation zugrunde liegen, müssen diese ebenfalls offen verfügbar sein - spätestens gleichzeitig mit dem Artikel. Ein Datenmanagementplan (DMP) ist dafür Pflicht.
Universitäre Policies: Wien, Graz, TU Wien
Auch wenn der FWF die Hauptlast trägt, haben die Hochschulen eigene Hausordnungen. Diese unterstützen dich oft finanziell oder infrastrukturell.
| Universität | Repositorium | Besonderheiten / Fokus |
|---|---|---|
| Universität Wien | u:scholar | Sehr aktive Green-OA-Strategie; viele Publishing Agreements mit Verlagen; finanzielle Unterstützung für Gold OA möglich. |
| Technische Universität Wien (TU Wien) | TU-Wien-Repositorium | Maximale Embargofrist von 12 Monaten empfohlen (sofern keine Plan-S-Pflicht); Fokus auf Sicherung der Selbstarchivierungsrechte. |
| Universität Graz | uni≡pub | Empfehlung für qualitätsgesicherte OA-Medien; Bibliothek übernimmt teilweise Kosten; starkes Open-Science-Portal. |
| Medizinische Universität Wien (MedUni Wien) | MedUni-Repositorium | Breiter Geltungsbereich (auch Emeritierte, Visiting Scientists); strikte Umsetzung seit 2022. |
Ein wichtiger Tipp: Nutze die sogenannten „Publishing Agreements“. Die Universität Wien hat beispielsweise Verträge mit großen Verlagen abgeschlossen. Wenn du als korrespondierender Autor dort publizierst und deine universitäre E-Mail-Adresse verwendest, wird der Open-Access-Zugang oft automatisch freigeschaltet und bezahlt. Das spart dir das Ausfüllen von Formularen beim Open-Access-Office.
Plan S und die Spannung zur Freiheit
Plan S ist die europäische Initiative, die den Rahmen vorgegeben hat. Sie verlangt radikale Transparenz. In Österreich gab es hier Diskussionen. Traditionell galt an Universitäten das Prinzip der freien Wahl des Publikationsmediums. Solltest du wirklich nur noch in OA-Journalen veröffentlichen dürfen?
Die Lösung liegt in der Flexibilität. Plan S erlaubt auch Green OA und Hybrid OA unter bestimmten Bedingungen. Zudem gibt es die „Rights-Retention“-Strategie. Das bedeutet: Du behältst das Urheberrecht an deinem Text und gewährst durch eine Lizenzklausel im Vertrag mit dem Verlag allen Lesern das Recht, den Text zu lesen - selbst wenn der Verlag eigentlich Geld für den Zugang verlangen würde. Das Journal Checker Tool von cOAlition S hilft dir dabei, herauszufinden, ob eine Zeitschrift konform ist.
Monitoring und Dateninfrastruktur
Wie wissen wir überhaupt, ob die Strategien funktionieren? Dafür gibt es den Austrian Datahub for Open Access Negotiations and Monitoring und den Open Access Monitor Austria. Diese Plattformen sammeln Daten aus Repositorien und Datenbanken wie CrossRef. Sie helfen nicht nur bei der Statistik, sondern liefern auch die Beweise für Verhandlungen mit Verlagen. Wenn du merkst, dass dein Institut viel Geld für Zugänge zu Zeitschriften zahlt, die kaum gelesen werden, liefert der Monitor die Argumente für einen Wechsel zu „Read & Publish“-Verträgen.
Fazit und nächste Schritte
Open Access in Österreich ist kein Nischenthema mehr, sondern Standard. Die Kombination aus FWF-Mandaten, universitären Repositorien und transformativen Verträgen macht den Weg frei. Dein Job als Forschende:r ist es, frühzeitig zu planen. Prüfe vor der Einreichung deines Manuskripts:
- Ist das Zieljournal im DOAJ gelistet (für Gold OA)?
- Gibt es ein Abkommen zwischen deiner Uni und dem Verlag?
- Hast du genug Budget in deiner FWF-Förderung für APCs eingeplant?
- Welche Lizenz (meist CC BY) musst du wählen?
Nutze die Tools deiner Bibliothek. Die Experten an der UB Graz, der Uni Wien oder der TU Wien kennen die Fallstricke besser als jeder andere. Open Access ist eine Gemeinschaftsaufgabe - nutze die Infrastruktur, die dir zur Verfügung steht.
Was passiert, wenn ich gegen die FWF Open-Access-Policy verstoße?
Ein Verstoß kann die Evaluation deines Projekts negativ beeinflussen. Da die Dokumentation der Open-Access-Aktivitäten (inklusive DOIs) im Abschlussbericht verpflichtend ist, führt ein fehlender Nachweis zu administrativen Problemen. In schweren Fällen kann dies Auswirkungen auf zukünftige Förderchancen haben, da Compliance ein Kriterium für die Vertrauenswürdigkeit von Projektträgern ist.
Kann ich meine Dissertation auch Open Access veröffentlichen?
Ja, absolut. Viele österreichische Universitäten bieten spezielle Services an, um Dissertationsdruckkosten zu übernehmen, wenn die Arbeit parallel im institutionellen Repositorium (z. B. u:scholar oder uni≡pub) Open Access bereitgestellt wird. Frage unbedingt dein Promotionsbüro oder die Bibliothek nach den lokalen Regelungen.
Was ist der Unterschied zwischen Gold und Green Open Access?
Bei Gold Open Access wird der Artikel direkt vom Verlag in einer offenen Zeitschrift veröffentlicht (oft gegen Gebühr). Bei Green Open Access veröffentlichst du im klassischen Modell und lagerst das akzeptierte Manuskript selbst in einem Archiv (Repositorium) ein. Green OA ist oft kostenlos, erfordert aber Eigeninitiative bei der Hinterlegung.
Wer zahlt die Artikelgebühren (APCs) bei Gold Open Access?
Idealerweise übernimmt dies die Institution oder der Fördergeber. Der FWF stellt seit 2024 eine Open-Access-Pauschale bereit. Viele Universitäten haben zudem Verträge mit Verlagen, die diese Kosten decken. Prüfe immer zuerst, ob ein solches Abonnement existet, bevor du privat zahlst.
Muss ich meine Forschungsdaten auch offen legen?
Für FWF-Projekte ja, zumindest die Daten, die der Veröffentlichung zugrunde liegen. Andere Daten liegen im Ermessen der Projektleitung, müssen aber im Datenmanagementplan beschrieben werden. Ziel ist Reproduzierbarkeit und Transparenz.