Suchtprävention in österreichischen Schulen: Wie Schulpsychologen wirklich helfen

Was passiert, wenn ein Schüler plötzlich abgespannt ist, sich zurückzieht und in der Klasse nicht mehr mitmacht? Ist es nur eine Phase? Oder steckt dahinter etwas Tieferes? In österreichischen Schulen wird diese Frage nicht ignoriert. Sie wird systematisch angegangen - nicht mit Strafen, sondern mit Verständnis. Und die Schulpsychologie spielt dabei die zentrale Rolle.

Suchtprävention ist keine Kampagne, sondern eine Haltung

Viele denken, Suchtprävention in der Schule bedeutet: einen Vortrag über Drogen halten, ein Plakat aufhängen und dann weitermachen. Das ist falsch. In Österreich ist Suchtprävention etwas anderes. Sie ist eine Haltung, die jeden Tag gelebt wird - von der Schulleitung, den Lehrkräften, dem Reinigungspersonal und den Schülerinnen und Schülern selbst. Es geht nicht darum, den Konsum von Alkohol oder Zigaretten zu verbieten. Es geht darum, junge Menschen stark zu machen, damit sie selbst entscheiden können - und zwar mit Köpfchen, Selbstbewusstsein und klarem Blick.

Das Bundesministerium für Bildung hat das klar formuliert: Der Fokus liegt nicht auf illegalen Substanzen, sondern auf Lebenskompetenzen. Was heißt das konkret? Dass ein Kind lernt, mit Stress umzugehen, Nein zu sagen, wenn es sich unwohl fühlt, oder seine Gefühle in Worte fassen kann. Das sind die Fähigkeiten, die später verhindern, dass jemand in eine Sucht gerät. Und das passiert nicht in einem einzigen Projekt. Es passiert in der Pause, im Unterricht, beim Gespräch mit der Lehrerin, wenn jemand merkt: Dieser Schüler braucht mehr als eine Note.

Altersgerechte Programme - von der Volksschule bis zur Oberstufe

In Österreich gibt es keine Einheitslösung. Was für Zehnjährige hilft, funktioniert nicht bei Sechzehnjährigen. Deshalb gibt es gezielte Programme, die auf die Entwicklungsstufe abgestimmt sind.

Für Kinder zwischen sechs und zehn Jahren gibt es das Programm Eigenständig werden. Es geht nicht um Drogen. Es geht darum, dass Kinder lernen, ihre Aufgaben zu erledigen, Konflikte zu lösen und sich nicht sofort aufgeben, wenn etwas schwer ist. Diese kleinen Erfolgserlebnisse bauen Selbstvertrauen auf. Und wer Selbstvertrauen hat, braucht keine Drogen, um sich gut zu fühlen.

Ab zehn Jahren kommt Plus zum Einsatz. Hier wird nicht mehr nur geredet, sondern aktiv geübt. Schülerinnen und Schüler lernen, in Rollenspielen zu sagen: „Ich will das nicht.“, wie sie mit Druck von Freunden umgehen, oder wie sie ihre eigenen Gefühle erkennen, bevor sie impulsiv handeln. Es geht um Emotionen, um soziale Kompetenz, um Kritikfähigkeit. Und das alles in einem sicheren Raum - nicht als Strafe, sondern als Teil des normalen Unterrichts.

Die Schule als Ort der Sicherheit - Strukturen, die schützen

Ein guter Unterricht allein reicht nicht. Die Schule als ganzer Ort muss gesund sein. Das bedeutet: Kein Raucherraum mehr für Lehrkräfte. Keine Zigaretten auf dem Pausenhof. Stattdessen: eine Teeküche, wo man sich treffen kann, ohne dass jemand sich schämen muss. Musikzimmer, die geöffnet sind, wo Jugendliche einfach mal abschalten können. Solche kleinen Veränderungen haben eine große Wirkung.

Und dann ist da noch die Elternarbeit. Keine Abrechnung, keine Vorwürfe. Sondern Gespräche. Einladungen. Workshops, wo Eltern lernen, wie sie mit ihren Kindern über Konsum reden - ohne zu schreien oder zu verboten. Die Schulpsychologie unterstützt dabei mit Materialien, mit konkreten Gesprächsleitfäden, mit Fortbildungen. Denn Eltern sind keine Feinde. Sie sind Partner. Und oft wissen sie gar nicht, wie sie helfen sollen.

Schüler üben in einer Rolleenspiel-Übung, wie sie selbstbewusst Nein sagen.

Die Lehrer sind auch betroffen - und das wird nicht ignoriert

Viele denken: Die Lehrer geben nur Unterricht. Aber sie sind auch Vorbilder. Wenn eine Lehrkraft morgens eine Zigarette raucht, bevor sie in die Klasse kommt, oder abends beim Nachhausekommen eine Flasche Wein öffnet, dann sieht das die Schüler. Und das sagt mehr als jeder Vortrag.

Die Schulpsychologie in Österreich fordert deshalb: Auch Lehrkräfte müssen sich mit ihrem eigenen Umgang mit Suchtmitteln auseinandersetzen. Nicht als Anklage. Sondern als Teil der eigenen Gesundheit. Es gibt Fortbildungen, die nicht nur über Drogen reden, sondern auch über Stress, Überlastung und Burnout. Denn eine erschöpfte Lehrkraft kann keine gesunde Schule aufbauen. Wer die Schülerinnen und Schüler stärken will, muss auch sich selbst stärken.

Was passiert, wenn jemand auffällig wird?

Es gibt immer wieder Momente, wo ein Schüler plötzlich nicht mehr da ist - nicht physisch, aber emotional. Der Blick ist leer. Die Leistung bricht ein. Die Kleidung ist ungewohnt. Dann greift das System. Die Schulpsychologie wird informiert. Nicht als Polizei. Sondern als Beraterin.

Es gibt klare Abläufe: Die Direktion wird benachrichtigt. Der Schularzt oder die Schularztin wird hinzugezogen. Die Schulpsychologie spricht mit dem Schüler - vertraulich, ohne Druck. Und wenn nötig, wird eine externe Suchtberatungsstelle eingeschaltet. In Niederösterreich, in Oberösterreich, in der Steiermark - überall gibt es spezialisierte Stellen, die mit den Schulen zusammenarbeiten. Keine Strafanzeige. Kein Ausschluss. Sondern Hilfe. Der Grundsatz lautet: Helfen statt strafen.

Das ist kein Traum. Das ist Standard in Österreich. Und es funktioniert. Weil es langfristig gedacht ist. Weil es nicht auf Angst basiert, sondern auf Vertrauen.

Ein Schüler entspannt in einer ruhigen Ecke der Schule mit Tee und Musik.

Die Zukunft: Digital, peer-gestützt, vernetzt

Die Suchtprävention in Österreich entwickelt sich weiter. Digitale Angebote kommen dazu - Apps, die Jugendliche anonym beraten, oder Online-Plattformen, wo sie Fragen stellen können, ohne sich zu blamieren. Auch Peer-Education gewinnt an Bedeutung: Ältere Schülerinnen und Schüler, die selbst Erfahrungen gemacht haben, helfen jüngeren Klassen. Nicht als „Experten“, sondern als Gleichaltrige. Das ist oft wirksamer als jeder Lehrer.

Und die Schulpsychologie arbeitet enger mit anderen Bereichen zusammen: mit der Gesundheitsförderung, mit der Jugendpsychiatrie, mit den Gemeinden. Es wird kein Einzelprojekt mehr sein. Es wird Teil einer größeren Strategie: die psychosoziale Gesundheit von Kindern und Jugendlichen zu stärken. Das ist eines der zehn Gesundheitsziele Österreichs. Und die Schule ist der Ort, wo das am besten gelingt.

Warum funktioniert das in Österreich?

Weil es keine Einzelmaßnahme ist. Weil es nicht von einem Lehrer allein getragen wird. Weil es von der Schule als Institution gelebt wird. Weil es finanziert ist. Weil es fortgebildet wird. Weil es nicht als „Extra“ gilt, sondern als Teil des Kerngeschäfts: Bildung und Entwicklung.

Andere Länder reden über Suchtprävention. In Österreich wird sie gemacht - mit klaren Strukturen, mit professioneller Unterstützung und mit dem klaren Ziel: Jedes Kind soll die Chance haben, gesund groß zu werden. Nicht perfekt. Nicht ohne Fehler. Aber mit Kraft, mit Unterstützung und mit Respekt.

Was ist der Unterschied zwischen Suchtprävention und Drogenaufklärung?

Drogenaufklärung konzentriert sich meist auf die Gefahren von Substanzen - oft mit Angstmacherei. Suchtprävention in Österreich geht weiter: Sie stärkt Lebenskompetenzen wie Selbstbewusstsein, Emotionsregulation und soziale Fähigkeiten. Es geht nicht darum, was verboten ist, sondern warum jemand etwas braucht, das ihm schadet. Die Antwort liegt in der Persönlichkeitsentwicklung, nicht in der Liste der illegalen Drogen.

Welche Programme werden in Österreich konkret eingesetzt?

Für Kinder von 6 bis 10 Jahren wird das Programm „Eigenständig werden“ genutzt, das Lebenskompetenzen wie Selbstständigkeit und Konfliktlösung fördert. Für Jugendliche von 10 bis 14 Jahren ist „Plus“ das zentrale Programm - es trainiert kognitive, emotionale und soziale Fähigkeiten, um Risikoverhalten zu reduzieren. Beide Programme sind wissenschaftlich evaluiert und werden von der Schulpsychologie-Bildungsberatung unterstützt.

Wie wird die Lehrer*innengesundheit in die Prävention einbezogen?

Lehrkräfte sind Vorbilder - und oft überlastet. Deshalb wird ihre eigene Gesundheit thematisiert: In Fortbildungen geht es um Stressmanagement, Grenzen setzen und den eigenen Umgang mit Alkohol oder Nikotin. Es geht nicht darum, Lehrer zu verurteilen, sondern sie zu unterstützen. Denn nur eine gesunde Lehrkraft kann eine gesunde Schule aufbauen.

Was passiert, wenn ein Schüler verdächtig auf Drogenkonsum wirkt?

Es gibt einen klaren, vertraulichen Prozess: Die Schulleitung wird informiert, dann kommen Schularzt und Schulpsychologie hinzu. Der Schüler wird nicht bestraft, sondern in einem sicheren Gespräch unterstützt. Falls nötig, wird eine externe Suchtberatungsstelle eingeschaltet. Der Fokus liegt auf Früherkennung und Hilfe - nicht auf Strafe oder Ausschluss.

Warum ist die Zusammenarbeit mit den Bundesländern wichtig?

Jedes Bundesland hat eigene Suchtpräventionsstellen - wie „pro Mente Oberösterreich“ oder die „Fachstelle Niederösterreich Suchtprävention“. Sie liefern Materialien, Fortbildungen und Beratung, die auf die lokale Realität zugeschnitten sind. Das macht die Prävention effektiver, weil sie nicht von oben verordnet, sondern mit den Schulen gemeinsam entwickelt wird.

Kann Suchtprävention auch ohne extra Stunden im Stundenplan funktionieren?

Ja - und das ist der Schlüssel. Die besten Maßnahmen passieren nicht in einem extra Kurs, sondern im Alltag: im Klassenraum, in der Pause, beim Gespräch nach der Stunde. Wenn Lehrer*innen respektvoll miteinander umgehen, wenn Schüler*innen sich gehört fühlen, wenn die Schule ein Ort der Sicherheit ist - dann entsteht Prävention von selbst. Es braucht keine extra Stunden. Es braucht eine andere Kultur.

10 Kommentare

  1. Alexander Cheng

    Alexander Cheng

    Ich find’s krass, wie hier in Österreich das ganze System einfach funktioniert. Keine Angstmacherei, keine Strafen – nur Menschlichkeit. Ich hab in meiner Schule in Berlin mal nen Vortrag mit nem Polizisten mitmachen müssen, der uns Drogen als Teufelszeug gezeigt hat. Hat niemanden beeindruckt. Hier wird halt echt was aufgebaut. Das ist kein Projekt, das ist Kultur.

  2. Christian Enquiry Agency

    Christian Enquiry Agency

    Wieso muss man eigentlich immer alles institutionalisieren? Wer braucht Programme für Kinder, die lernen sollen, Nein zu sagen? Das war früher auch ohne. Man hat einfach gelernt, im Leben zu überleben. Heute wird aus jeder Kleinigkeit ein Psychologie-Workshop. Ich find’s lächerlich. Aber gut, wenn’s den Leuten hilft, hab ich nix dagegen. Nur… das ist nicht Bildung. Das ist Sozialtechnik.

  3. Petra Möller

    Petra Möller

    ICH HAB ECHT GEWEINT. WIR SIND SO TIEF GEFALLEN IN DEUTSCHLAND. WIR HABEN KEINE SCHULEN MEHR. NUR NOCH SCHULEN MIT LEHRERINNEN, DIE NICHT MAL IHRE EIGENEN ZIGARETTEN AUFHÖREN. WIE KANN MAN KINDER STÄRKEN, WENN MAN SELBST ZERBROCHEN IST? DAS IST NICHT NUR TRAGISCH. DAS IST EIN VERBRECHEN GEGEN DIE ZUKUNFT.

  4. price astrid

    price astrid

    Interessant, dass man hier von 'Lebenskompetenzen' spricht – ein Begriff, der aus der kritischen Theorie des Bildungswesens abgeleitet ist, aber in der Praxis oft als neoliberaler Ersatz für echte soziale Gerechtigkeit instrumentalisiert wird. Die eigentliche Frage bleibt: Wer finanziert diese Programme, und wer kontrolliert ihre Implementierung? Ist es wirklich die Schule – oder der Bildungskapitalismus, der hier seine Finger im Spiel hat?

  5. Andreas Krokan

    Andreas Krokan

    kleiner tipp: 'lehrer*innen' schreibt man mit sternchen, aber nicht mit *innen. das ist grammatikalisch falsch. aber sonst: mega guter text, echt. das mit der teeküche und dem musikzimmer – das ist genau das, was fehlt. bei uns in köln haben sie letztes jahr den ganzen pausenhof asphaltiert. keine blumen, kein schatten, nur beton. kinder, die sich nicht sicher fühlen, brauchen keinen vortrag. sie brauchen einen ort, an dem sie einfach sein können.

  6. John Boulding

    John Boulding

    Was hier als Modell verkauft wird, ist in der Schweiz schon seit 20 Jahren Standard. Aber wir haben es nicht als 'österreichisches Erfolgsmodell' vermarktet. Weil wir es nicht als Marketing-Tool brauchen. Wir machen es, weil es richtig ist. Und weil wir nicht glauben, dass man Kinder durch Workshops retten kann – sondern durch Konsistenz, Grenzen und echte Beziehungen. Aber gut, wenn’s den Deutschen hilft, sich besser zu fühlen.

  7. Peter Rey

    Peter Rey

    Österreich macht’s richtig. Wir in der Schweiz machen’s auch richtig. Aber wir sagen’s nicht laut. Weil wir nicht jeden Tag ein neues Projekt brauchen, um uns selbst zu rechtfertigen. Einfach nur… machen. Und das ist mehr als jede Kampagne.

  8. Seraina Lellis

    Seraina Lellis

    Ich arbeite als Schulpsychologin in Zürich und kann nur zustimmen: Es geht nicht um Drogen, es geht um Einsamkeit. Die meisten Kinder, die später in Sucht geraten, haben nie gelernt, mit ihrer Leere umzugehen. Und das passiert nicht in einem Kurs. Das passiert, wenn ein Lehrer merkt, dass ein Schüler morgens nicht mehr lacht. Wenn jemand ihm einfach sagt: 'Heute siehst du müde aus. Willst du reden?' – und dann wirklich zuhört. Kein Protokoll. Kein Formular. Nur Menschlichkeit. Das ist das Einzige, was zählt.

  9. Mischa Decurtins

    Mischa Decurtins

    Es ist bemerkenswert wie die Gesellschaft heute denkt dass sie Kinder durch Interventionen retten kann. Aber die wahre Ursache liegt in der Zerstörung der Familie. Wenn Eltern nicht mehr da sind, wenn sie nur noch am Handy hängen, dann kann keine Schule das ersetzen. Die Schulpsychologie ist nur ein Pflaster auf einer offenen Wunde. Und Pflaster fallen ab.

  10. Yanick Iseli

    Yanick Iseli

    Die strukturelle Integration von Suchtprävention in den Schulalltag – als institutionelle Praxis – stellt eine bedeutende Innovation im europäischen Bildungssystem dar. Die Verzahnung mit gesundheitsfördernden Gemeindestrukturen, die evidenzbasierte Evaluation von Programmen wie 'Eigenständig werden' und 'Plus', sowie die systematische Einbindung von Lehrkräften als Modellfiguren, sind konsistente Elemente einer nachhaltigen, präventiven Gesundheitsstrategie, die als Referenzmodell für andere Länder dienen kann.

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