Wenn Sie in Österreich als Wissenschaftlerin oder Wissenschaftler publizieren, steht Ihnen heute mehr zur Auswahl als je zuvor - aber auch mehr Verwirrung. Die Frage, in welche Zeitschrift Sie Ihren Artikel einreichen, ist nicht mehr nur eine Frage der Reputation oder des Impact Factors. Sie ist eine Entscheidung, die Ihre Forschung, Ihre Finanzierung und sogar Ihre Zukunft als Forschende beeinflusst. Denn Österreich hat sich zum Ziel gesetzt: Bis 2025 soll jede wissenschaftliche Publikation, die aus öffentlichen Mitteln entstanden ist, frei und sofort online zugänglich sein. Das ist nicht nur ein Wunsch - das ist Gesetz. Und das verändert alles.
Was bedeutet 100% Gold Open Access?
Gold Open Access bedeutet: Ihr Artikel erscheint direkt in einer Zeitschrift, die ihn kostenlos für alle Leserinnen und Leser zur Verfügung stellt. Keine Paywalls. Keine monatelange Wartezeit. Keine Einschränkungen. Die Publikation ist sofort verfügbar, und Sie behalten die Rechte an Ihrem Werk. Das ist der Standard, den Österreich seit 2015 verfolgt. Die Zielvorgabe ist klar: 100 % Gold Open Access bis 2025. Das bedeutet, dass jede Forschung, die mit Steuergeldern finanziert wurde, auch für Steuerzahlerinnen und Steuerzahler sichtbar sein muss. Kein Geheimnis mehr. Kein Abonnement mehr. Kein Verlag, der von Ihrem Wissen profitiert, während Sie selbst bezahlen müssen.
Früher war es anders. Forschende zahlten oft tausende Euro für Artikelverarbeitungsgebühren (APCs), nur um in einer teuren Zeitschrift zu erscheinen, die dann wiederum von Bibliotheken mit hohen Abonnementkosten bezahlt werden musste. Das System war doppelt teuer: einmal für die Autorinnen und Autoren, einmal für die Universitäten. Heute ist das nicht mehr nötig. Österreich hat den Weg geebnet, um diese Doppelkosten abzuschaffen.
Wie wählen Sie die richtige Zeitschrift heute?
Die Wahl der Zeitschrift ist kein Zufall mehr. Sie ist eine strategische Entscheidung. Hier sind drei Kriterien, die heute zählen:
- Open Access-Status: Ist die Zeitschrift wirklich Gold Open Access? Oder ist sie Hybrid? Hybrid bedeutet: Sie können Ihren Artikel als Open Access veröffentlichen - aber nur, wenn Sie extra zahlen. Die meisten anderen Artikel in derselben Zeitschrift sind hinter Paywalls. Solche Zeitschriften werden von der österreichischen Wissenschaftspolitik nicht mehr unterstützt. Sie zahlen doppelt: für das Abonnement und für Ihre APC.
- Finanzierung: Haben Sie einen Open Access-Fonds? Fast alle österreichischen Universitäten und Forschungseinrichtungen haben mittlerweile einen solchen Fonds. Der Wissenschaftsfonds (FWF) zahlt beispielsweise APCs direkt. Die Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW) hat seit 2019 einen eigenen Fonds, der Forschenden bis zu 2.000 Euro pro Publikation zur Verfügung stellt. Fragt Ihr Institut nach dem Verlag - fragen Sie auch nach dem Fonds.
- Qualität und Reputation: Open Access bedeutet nicht schlechtere Qualität. Es gibt viele hochwertige, peer-reviewed Open-Access-Zeitschriften, die im Q1-Bereich liegen. Nutzen Sie die Directory of Open Access Journals (DOAJ) - eine unabhängige Datenbank, die nur qualitativ geprüfte Zeitschriften auflistet. Vermeiden Sie „Predatory Journals“, die nur Geld verdienen, ohne Peer Review anzubieten.
Ein Beispiel: Ein Forscher aus der TU Wien publiziert 2024 in Scientific Reports - eine bekannte, von Springer Nature herausgegebene Gold Open Access-Zeitschrift. Die APC liegt bei etwa 1.890 Euro. Aber: Die TU Wien hat mit Springer Nature einen sogenannten „Transformative Agreement“ abgeschlossen. Das bedeutet: Die Universität zahlt die APC nicht aus dem Budget des Forschers, sondern aus einem zentralen Topf. Der Forscher muss nichts bezahlen. Er publiziert frei, schnell und ohne finanzielle Hürde.
Was passiert mit den Kosten?
Die Finanzierung des wissenschaftlichen Publizierens in Österreich kostet jährlich zwischen 65 und 70 Millionen Euro. Das ist kein kleiner Betrag. Und es ist kein Zufall, dass diese Summe fast vollständig für Abonnements von Zeitschriften ausgegeben wird - Zeitschriften, die viele Forschende gar nicht lesen. Die Transformation zu Open Access ist auch eine Umverteilung. Institutionen, die wenig publizieren, sparen. Sie müssen keine teuren Abonnements mehr bezahlen. Institutionen mit hohem Publikationsaufkommen - wie die Universität Wien oder die Medizinische Universität Graz - müssen mehr für APCs aufwenden. Aber: Diese Kosten werden nicht mehr von Einzelpersonen getragen. Sie werden zentral geregelt, transparent und fair verteilt.
Ein wichtiger Schritt war die Einführung des Informationsbudgets. Seit 2022 müssen Universitäten und Forschungseinrichtungen genau dokumentieren, wie viel sie für Publikationen ausgeben. Nur so lässt sich planen. Nur so lässt sich vermeiden, dass eine Hochschule in einem Jahr 50.000 Euro für APCs zahlt und im nächsten Jahr 120.000 Euro - ohne zu wissen, warum. Die meisten Einrichtungen haben das noch nicht vollständig umgesetzt. Aber die Richtung ist klar: Transparenz ist die Grundlage für Nachhaltigkeit.
Open Science ist mehr als Open Access
Open Access ist nur ein Teil der Geschichte. Österreich denkt weiter. Seit 2017 wird Open Science als ganzheitliche Strategie verfolgt. Das bedeutet: Nicht nur die Publikation ist offen - auch die Daten, die Methoden, die Software, die Protokolle. Wenn Sie in der Biologie arbeiten, müssen Sie Ihre Rohdaten bereitstellen. Wenn Sie in der Sozialwissenschaft forschen, müssen Sie Ihre Fragebögen und Analysecode veröffentlichen. Der FWF fordert das seit Jahren. Und er prüft es: In jedem Antrag muss ein Datenmanagementplan eingereicht werden. Was passiert mit den Daten? Wann werden sie veröffentlicht? Warum nicht? Diese Fragen sind heute Standard.
Das hat Konsequenzen. Eine Studie aus 2023 zeigte: Forschende, die ihre Daten offen legen, werden häufiger zitiert. Ihre Arbeit ist nachprüfbar. Ihre Ergebnisse sind verlässlicher. Und das macht sie attraktiver - für Kooperationen, für Fördergelder, für internationale Karrieren.
Wissenschaftsgeleitetes Publizieren: Die Zukunft liegt bei uns
Es gibt eine neue Bewegung in Österreich: Scholar-Led Publishing. Das bedeutet: Forschende veröffentlichen nicht mehr bei kommerziellen Verlagen, sondern bei eigenen, nicht-kommerziellen Plattformen. Die Universität Graz hat mit GratzOpen eine solche Plattform gestartet. Die ÖAW veröffentlicht seit Jahrzehnten ihre eigenen Zeitschriften - kostenlos, hochwertig, wissenschaftsgeleitet. Die scholar-led.network-Initiative hat ein Manifest veröffentlicht, das fordert: „Publizieren soll ein öffentliches Gut sein - kein Profitgeschäft.“
Diese Modelle sind noch nicht überall etabliert. Aber sie wachsen. Und sie sind nachhaltig. Keine Gebühren. Keine Lizenzverträge. Keine Abhängigkeit von multinationalen Verlagen. Nur Forschende, die sich gegenseitig unterstützen. Und das ist der Kern der Wissenschaft: Kooperation, nicht Konkurrenz.
Was bleibt zu tun?
Die Vision ist klar: 100 % Gold Open Access bis 2025. Aber die Realität hinkt hinterher. Nur 51,8 % der österreichischen Forschungseinrichtungen haben einen systematischen Überblick über ihre Publikationskosten. Fast ein Drittel plant das noch. Und nur 59 % nutzen diese Daten, um Entscheidungen zu treffen. Das ist zu wenig. Wer nicht weiß, wie viel er ausgibt, kann nicht sparen. Wer nicht spart, kann nicht investieren.
Die rechtliche Grundlage ist da. Der FWF zahlt. Die ÖAW fördert. Die Universitäten haben Fonds. Die Technik ist da. Die Plattformen existieren. Es fehlt nur noch eines: Die Kultur. Die Kultur, dass Publizieren kein Luxus ist, sondern eine Pflicht. Dass Open Access keine Option ist, sondern der Standard. Dass jede Forschung, die mit öffentlichen Mitteln entsteht, auch der Öffentlichkeit gehört.
Wenn Sie heute publizieren, wählen Sie nicht nur eine Zeitschrift. Sie wählen ein System. Ein System, das entweder weiterhin Geld für Abonnements verschwendet - oder eines, das Wissen frei macht. Die Entscheidung liegt bei Ihnen.
Was ist der Unterschied zwischen Gold Open Access und Hybrid-Zeitschriften?
Gold Open Access bedeutet, dass alle Artikel in der Zeitschrift kostenlos verfügbar sind. Hybrid-Zeitschriften bieten nur für einen Teil der Artikel Open Access an - meist nur, wenn der Autor extra zahlt. In Österreich wird Hybrid nicht mehr unterstützt, weil es doppelte Kosten erzeugt: Sie zahlen für das Abonnement Ihrer Bibliothek und zusätzlich für Ihre APC. Das ist ineffizient und teuer.
Kann ich meinen Artikel auch in einem Repositorium veröffentlichen (Green Open Access)?
Ja, aber das ist nicht mehr der Standard. Green Open Access bedeutet, dass Sie Ihren Artikel nach einer Embargo-Zeit (meist 6-12 Monate) in einem Repositorium wie Repositum oder othes hochladen. Aber Österreich will 100 % Gold Open Access. Das heißt: Die Veröffentlichung soll sofort und direkt in der Zeitschrift erfolgen. Green ist nur eine Notlösung, wenn keine Gold-Option besteht. In Zukunft wird sie kaum noch relevant sein.
Wie finde ich einen Open Access-Fonds an meiner Institution?
Jede österreichische Universität und große Forschungseinrichtung hat einen Open Access-Fonds. Suchen Sie auf der Website Ihrer Bibliothek nach „Open Access“, „Publikationsfonds“ oder „APC-Förderung“. Dort finden Sie Formulare, Ansprechpersonen und Höchstbeträge. Bei der Universität Graz ist es der „Open Access Publikationsfonds“ der Universitätsbibliothek. Der FWF unterstützt auch Forschende, die über einen Drittmittelantrag publizieren. Fragt einfach nach - es gibt mehr Unterstützung, als viele wissen.
Was ist ein Transformative Agreement?
Ein Transformative Agreement ist ein Vertrag zwischen einer Bibliothek oder einem Konsortium und einem Verlag. Er ersetzt die traditionellen Abonnements durch eine Pauschalzahlung, die sowohl für den Zugang zu den Zeitschriften als auch für die Open Access-Publikationen der Forschenden der Institution gilt. Österreich hat solche Vereinbarungen mit Springer Nature, Elsevier und Wiley abgeschlossen. Das bedeutet: Forschende können in diesen Verlagen publizieren, ohne selbst zu bezahlen - und die Bibliothek zahlt nicht mehr für Abos. Ein Win-Win.
Warum ist Open Science wichtig für meine Karriere?
Forschende, die ihre Daten, Methoden und Software offen legen, werden doppelt so häufig zitiert wie andere. Ihre Arbeit ist transparent, reproduzierbar und vertrauenswürdig. Fördermittelgeber wie der FWF, aber auch internationale Partner, bevorzugen solche Forschenden. Open Science macht Sie sichtbar, glaubwürdig und wettbewerbsfähig - nicht nur in Österreich, sondern weltweit.
Wenn Sie heute publizieren, tun Sie nicht nur Ihre Arbeit. Sie gestalten das System. Wählen Sie bewusst. Publizieren Sie offen. Und helfen Sie mit, dass Wissenschaft in Österreich endlich das wird, was sie sein sollte: frei, transparent und für alle da.