Ein Anruf vom ORF, eine E-Mail von der Kronen Zeitung oder ein Tweet mit einer Frage zu Ihrer neuesten Studie. Für viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in Österreich ist das keine fiktive Szene, sondern die Realität des modernen Arbeitsalltags. Seit der COVID-19-Pandemie hat sich die Rolle der Forscherin oder des Forschers grundlegend gewandelt. Sie sind nicht mehr nur im Labor oder an der Tafel tätig, sondern stehen täglich vor der Kamera und müssen komplexe Zusammenhänge in wenigen Sätzen erklären. Diese neue Normalität bringt Chancen, aber auch immense Herausforderungen mit sich.
In diesem Artikel schauen wir uns an, wie Medienarbeit in Österreich heute funktioniert. Wir gehen auf Förderprogramme, institutionelle Unterstützung und praktische Tipps ein, damit Sie Ihre Forschung sicher und effektiv in die Öffentlichkeit tragen können.
Was genau bedeutet Wissenschaftskommunikation?
Viele verwechseln den Begriff noch immer mit bloßer Pressearbeit. Doch es geht um weit mehr als Pressemitteilungen. Nach der aktuellen Definition umfasst Wissenschaftskommunikation alle Formen der Kommunikation, die sich auf wissenschaftliches Wissen oder Arbeit fokussieren. Das schließt Interviews, Podcasts, Social-Media-Beiträge und direkte Gespräche mit Bürgerinnen und Bürgern ein.
Für Sie als Forschende:r heißt das konkret: Sie agieren in mehreren Rollen gleichzeitig. Einerseits sind Sie die Expertin oder der Experte für Ihr Fachgebiet. Andererseits vertreten Sie Ihre Institution - sei es eine Universität, das BMBWF oder die Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW), die als zentrale außeruniversitäre Einrichtung in Österreich fungiert. Es ist wichtig zu verstehen, dass bei jedem öffentlichen Auftritt auch diese institutionelle Ebene mitspricht.
Die institutionelle Landschaft in Österreich
Wenn Sie planen, Ihre Forschung öffentlich zu machen, sollten Sie wissen, wer Ihnen dabei zur Seite steht. In Österreich gibt es klare Strukturen:
- Universitäten: Fast jede große Hochschule, etwa die Universität Innsbruck, verfügt über eine eigene Abteilung für Public Relations. Diese Stellen beraten Sie bei Anfragen, helfen beim Entwurf von Statements und koordinieren Termine mit Redaktionen.
- Der FWF: Der Österreichische Wissenschaftsfonds (FWF) betreibt ein eigenes Programm zur Förderung von Kommunikationsprojekten. Hier erhalten Sie finanzielle Unterstützung für kreative Maßnahmen.
- Die ÖAW: Die Akademie bündelt ihre Kommunikationsaktivitäten zentral und startet neue Initiativen, um die nächste Generation anzusprechen.
Nutzen Sie diese Ressourcen. Sie müssen den Weg ins Medienzelt nicht allein gehen. Eine Abstimmung mit Ihrer Pressestelle ist oft Pflicht, besonders wenn es um sensible Themen geht.
Fördermöglichkeiten nutzen: FWF und FÄKT!
Geld für gute Kommunikation? Das klingt nach einem Traum, ist aber in Österreich machbar. Zwei Programme stechen besonders hervor:
| Programm | Anbieter | Zielgruppe | Fördervolumen / Fokus |
|---|---|---|---|
| Wissenschaftskommunikation | FWF | Projektleiter:innen | Bis zu 100.000 Euro pro Projekt |
| FÄKT! | ÖAW | Jugendliche (10-14 Jahre) | Professionelle Videoproduktion |
Das Programm des FWF erlaubt eine Laufzeit von bis zu 24 Monaten. Damit können Sie langfristige Strategien entwickeln, statt nur auf aktuelle Nachrichten zu reagieren. Wichtig ist hier die Planung: Sie brauchen eine klare Strategie mit definierten Zielgruppen und Evaluationskriterien. Ad-hoc-Aktionen werden selten gefördert.
Neu ist die Initiative „FÄKT!“, gestartet 2025 durch die ÖAW. Hier geht es darum, Forschungsergebnisse speziell für Kinder und Jugendliche aufzubereiten. Ein professionelles Team produziert Kurzvideos für soziale Medien. Wenn Sie also Inhalte für Schulen oder Jugendsendungen im Sinn haben, lohnt sich ein Blick auf diese Ausschreibungen.
Praktische Tipps für den Medienkontakt
Sie bekommen einen Anruf von einer Redaktion. Was tun? Panik ist der falsche Freund. Bleiben Sie ruhig und folgen Sie diesen Schritten:
- Klären Sie die Rahmenbedingungen sofort. Wann ist der Redaktionsschluss? Ist es ein Live-Interview oder aufgezeichnet? Wie lange darf die Antwort sein? Tageszeitungen arbeiten oft unter extremem Zeitdruck - manchmal innerhalb weniger Stunden.
- Reichen Sie ein Factsheet nach. Senden Sie kurzfristig eine E-Mail mit Ihren Kontaktdaten und einem einseitigen Dokument. Darin finden die Journalist:innen die wichtigsten Fakten und drei Kernbotschaften, die Sie transportieren möchten.
- Vermeiden Sie Fachjargon. Nutzen Sie Metaphern und einfache Vergleiche. Erklären Sie Ihre Ergebnisse so, als würden Sie sie einer interessierten Nachbarin beschreiben.
- Seien Sie ehrlich bei Unsicherheiten. Wenn Sie etwas nicht wissen, sagen Sie es. "Wir haben dazu noch keine Daten" ist eine valide wissenschaftliche Aussage.
Ein häufiger Fehler ist der Versuch, komplette Texte freizugeben. In der Praxis ist das unüblich. Sie können jedoch bitten, Zitate vorab prüfen zu dürfen. Klären Sie das im Vorfeld.
Lektionen aus der Pandemie-Krise
Die Jahre 2020 bis 2023 waren ein Stress-Test für die österreichische Wissenschaftskommunikation. Studien der Universität Wien zeigen deutlich: Forschende wurden zu medialen Stars. Gleichzeitig stieg der Druck enorm an. Hassnachrichten und politischer Widerstand gehörten plötzlich zum Alltag.
Eine zentrale Erkenntnis daraus: Wissenschaftliche Unsicherheit ist schwer zu vermitteln. In Interviews wird oft nach klaren Ja/Nein-Antworten verlangt. Doch Wissenschaft arbeitet mit Wahrscheinlichkeiten und Modellen. Wenn Sie später Ihre Einschätzung aufgrund neuer Daten korrigieren, wird dies in der Öffentlichkeit oft als "Fehler" interpretiert, obwohl es normaler Forschungsprozess ist.
Tipp für die Zukunft: Bereiten Sie sich auf solche Szenarien vor. Üben Sie, wie Sie Spannbreiten und Konfidenzintervalle einfach erklären, ohne dass es nach Ausrede klingt. Trainieren Sie diese Kompetenz in Workshops Ihrer Universität.
Vertrauen gewinnen und halten
Warum überhaupt Medienarbeit? Weil Vertrauen in die Wissenschaft kein Selbstläufer ist. Das "Wissenschaftsbarometer Österreich" zeigt, dass das Vertrauen zwar insgesamt hoch ist, aber stark von der politischen Einstellung und dem Bildungsgrad abhängt. Regelmäßige Auftritte in vertrauten Formaten helfen, Brücken zu bauen.
Doch Vorsicht: Zu viel Präsenz kann auch polarisieren. Manche Gruppen empfinden bestimmte Expert:innen als Teil eines establishment, dem sie misstrauen. Daher ist Authentizität gefragt. Seien Sie menschlich, zeigen Sie Leidenschaft für Ihr Thema und bleiben Sie transparent.
Fazit: Medienkompetenz als Berufspflicht
Die Zeiten, in denen man sich hinter seiner Publikation verstecken konnte, sind vorbei. Medienarbeit ist heute Teil der professionellen wissenschaftlichen Praxis in Österreich. Mit den richtigen Werkzeugen, der Unterstützung durch Institutionen wie den FWF oder die ÖAW und ein wenig Übung können Sie Ihre Forschung erfolgreich in die Gesellschaft tragen. Fangen Sie klein an, pflegen Sie Kontakte zu Journalist:innen und scheuen Sie sich nicht vor Fehlern - solange Sie daraus lernen.
Wer kann FWF-Förderung für Wissenschaftskommunikation beantragen?
Antragsberechtigt sind Projektleiter:innen oder Mitarbeiter:innen, deren Basisprojekt vom FWF finanziert wird. Das Projekt muss entweder noch laufen oder maximal drei Jahre abgeschlossen sein. Zudem muss eine Qualifikation in Wissenschaftskommunikation nachgewiesen werden.
Muss ich jedes Interview mit meiner Universität abstimmen?
Es empfiehlt sich stark, insbesondere bei kontroversen Themen oder größeren TV-Sendungen. Ihre Pressestelle kann Sie briefen und hilft, institutionelle Interessen zu wahren. Bei rein fachlichen Hintergrundgesprächen ist die Eigenverantwortung größer.
Wie gehe ich mit kritischen Fragen im Interview um?
Bleiben Sie sachlich und beziehen Sie sich auf Daten. Vermeiden Sie emotionale Reaktionen. Wenn eine Frage auf falschen Annahmen beruht, korrigieren Sie diese freundlich, bevor Sie antworten. Nutzen Sie die Technik des "Bridging": Anerkennen der Frage, dann Übergang zu Ihrer vorbereiteten Kernbotschaft.
Was ist das FÄKT!-Programm?
FÄKT! ist eine Initiative der ÖAW, die Forschende dabei unterstützt, ihre Projekte für Kinder und Jugendliche (10-14 Jahre) in Form von professionellen Videos aufzubereiten. Es dient der frühen Begeisterung für Wissenschaft.
Gibt es Schulungen für Medienauftritte an österreichischen Unis?
Ja, viele Universitäten wie Innsbruck bieten regelmäßige Workshops an. Diese behandeln Interviewführung, verständliches Schreiben und strategische Planung. Fragen Sie direkt in Ihrer Abteilung für Public Relations nach.