Im deutschen dualen Ausbildungssystem geht es nicht nur darum, junge Menschen auf einen Job vorzubereiten. Es geht um den Einstieg ins Erwerbsleben, um soziale Teilhabe und um die Zukunft des ganzen Landes. Doch für viele Jugendliche mit Migrationshintergrund - besonders für junge Frauen - beginnt dieser Einstieg mit Hürden, die andere gar nicht sehen. Obwohl sie genauso gut in der Schule sind, obwohl sie genauso motiviert, haben sie deutlich geringere Chancen, eine echte Ausbildungsstelle zu bekommen. Und das hat nicht nur mit fehlenden Noten zu tun. Es hat mit System zu tun.
Die Zahlen sprechen eine klare Sprache
Eine junge Frau mit Migrationshintergrund, die nach der Schule nach einer Ausbildung sucht, hat es schwerer als jeder andere Jugendliche in Deutschland. Nach einem Jahr suchen 68 % der Jugendlichen ohne Migrationshintergrund bereits eine betriebliche Ausbildung - und finden sie. Bei jungen Frauen mit Migrationshintergrund liegt dieser Anteil bei nur 34 %. Nach drei Jahren steigt der Wert zwar auf 59 %, aber das ist immer noch deutlich weniger als die 86 % bei Jugendlichen ohne Migrationshintergrund. Selbst wenn man alle Ausbildungsformen zusammenzählt - betrieblich, außerbetrieblich, schulisch - erreichen migrantische Frauen nur 67 %, während gleichaltrige Frauen ohne Migrationshintergrund 78 % erreichen.
Die Diskrepanz wird noch deutlicher, wenn man den Schulabschluss betrachtet. Bei Realschulabsolventen mit Migrationshintergrund landen nur 32 % in einer betrieblichen Ausbildung. Bei den gleichen Abschlüssen ohne Migrationshintergrund sind es 43 %. Und selbst Abiturienten mit Migrationshintergrund haben geringere Chancen als ihre Mitschüler ohne Migrationshintergrund. Das bedeutet: Selbst wenn sie die gleiche Bildung haben, die gleichen Noten, die gleiche Motivation - sie bekommen trotzdem seltener einen Ausbildungsplatz. Das ist kein Zufall. Das ist System.
Warum schneiden migrantische Frauen am schlechtesten ab?
Es gibt keinen einzigen Grund, warum migrantische Frauen so benachteiligt sind. Es ist eine Kombination aus mehreren Faktoren, die sich gegenseitig verstärken. Erstens: Vorurteile. Arbeitgeber, die Auszubildende suchen, vergeben oft an Kandidaten, die ihnen vertraut erscheinen - also an Jugendliche ohne Migrationshintergrund, oft mit ähnlichen sozialen Hintergründen. Studien zeigen: Selbst wenn Lebensläufe identisch sind, wird ein Name wie „Fatima Khan“ seltener zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen als „Anna Müller“.
Zweitens: Die Berufswahl. Migrantische Frauen landen überproportional oft in Berufen, die als „typisch weiblich“ gelten - Pflege, Erziehung, Reinigung. Sie werden weniger in technischen, handwerklichen oder kaufmännischen Ausbildungen angenommen, obwohl sie genauso gut abschneiden wie ihre männlichen Kollegen. Und wenn sie sich für solche Berufe interessieren, stoßen sie auf Widerstand - von Seiten der Eltern, der Schule, manchmal sogar von Ausbildungsbetrieben, die sich nicht vorstellen können, dass eine junge Frau mit Migrationshintergrund in einer Werkstatt arbeitet.
Drittens: Die Sprache. Wer nicht fließend Deutsch spricht, hat es schwer, sich in einem Vorstellungsgespräch zu behaupten. Aber das Problem liegt nicht nur in der Sprachkompetenz. Es liegt auch darin, dass viele Jugendliche mit Migrationshintergrund nicht die gleichen sozialen Netzwerke haben. Sie haben keine Tante, die in einer Bank arbeitet. Keinen Cousin, der einen Ausbildungsplatz vermittelt. Keinen Lehrer, der sie persönlich weiterempfiehlt.
Regionen und Herkunft zählen - und zwar stark
Nicht alle Menschen mit Migrationshintergrund haben die gleichen Chancen. Jugendliche mit türkischem oder arabischem Hintergrund haben deutlich geringere Chancen als jene, deren Eltern aus Polen, Ungarn oder der Tschechischen Republik kommen. Warum? Weil es nicht nur um Migration geht, sondern um Wahrnehmung. In vielen Betrieben wird „türkisch“ mit „nicht integriert“ gleichgesetzt - obwohl viele dieser Jugendlichen hier geboren sind, Deutsch als Muttersprache sprechen und hervorragende Schulabschlüsse haben.
Und dann gibt es noch die Region. In den westdeutschen Bundesländern, wo die meisten Migranten leben, gibt es weniger Ausbildungsplätze insgesamt. In Ostdeutschland ist das System zwar weniger belastet, aber die Infrastruktur für Unterstützungsangebote ist schwächer. Das bedeutet: Junge Menschen mit Migrationshintergrund sind oft zwischen zwei Problemen gefangen - zu wenig Plätze in den Regionen, wo sie leben, und zu wenig Unterstützung, um in andere Regionen zu ziehen.
Was passiert, wenn kein Ausbildungsplatz kommt?
Wenn ein Jugendlicher keinen Ausbildungsplatz findet, geht er nicht einfach nach Hause. Viele landen im Übergangssystem: Berufsvorbereitungsjahr, Einstiegsqualifizierung, Bildungsgänge mit geringerem Abschlusswert. 28 % der Bewerber mit Migrationshintergrund verbringen Zeit in solchen Maßnahmen - doppelt so viele wie Jugendliche ohne Migrationshintergrund. Diese Programme sind wichtig, aber sie sind kein Ersatz für eine echte Ausbildung. Sie führen nicht automatisch zu einem anerkannten Berufsabschluss. Und sie kosten Zeit - Zeit, die man nicht zurückholen kann.
Einige bleiben sogar ohne Ausbildung. In manchen Regionen liegt die Quote von Jugendlichen mit Migrationshintergrund ohne Berufsabschluss bei über 20 %. Das ist kein individuelles Versagen. Das ist ein Systemversagen.
Was hat sich verändert - und was nicht?
Im Jahr 2022 hatte fast jeder vierte deutsche Schüler eine Zuwanderungsgeschichte. Das ist kein Ausnahmefall mehr. Das ist die Normalität. Und trotzdem hat sich die Ungleichheit nicht verringert. Im Gegenteil: Die Kluft zwischen Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergrund hat sich in einigen Bereichen sogar vergrößert. Die Bundesregierung hat 2007 den Nationalen Integrationsplan verabschiedet - mit dem Ziel, die Ausbildungsbeteiligung zu erhöhen. Doch die Zahlen zeigen: Es reicht nicht, Ziele zu formulieren. Es braucht konkrete Maßnahmen.
Einige Bundesländer haben begonnen, gezielte Förderprogramme zu starten. In Berlin gibt es Mentor*innen-Programme, die migrantische Jugendliche bei der Bewerbung begleiten. In Nordrhein-Westfalen werden Ausbildungsbetriebe finanziell belohnt, wenn sie Jugendliche mit Migrationshintergrund einstellen. In Bayern gibt es spezielle Berufsberatung in mehreren Sprachen. Doch das sind Einzelfälle. Es fehlt ein bundesweiter Ansatz.
Was müsste sich ändern?
Erstens: Ausbildungsbetriebe müssen verpflichtet werden, ihre Bewerberauswahl transparent zu machen. Wer einen Ausbildungsplatz anbietet, sollte nachweisen können, dass er nicht nach Namen, Herkunft oder Religion filtert. Zweitens: Schulen brauchen mehr Berufsberater, die wirklich verstehen, was migrantische Jugendliche durchmachen. Drittens: Die Sprachförderung muss früher beginnen - nicht erst im letzten Schuljahr, sondern schon in der Grundschule. Viertens: Es braucht mehr positive Vorbilder - Auszubildende mit Migrationshintergrund, die erzählen, wie sie es geschafft haben. Fünftens: Die Ausbildungsplätze müssen dort verteilt werden, wo die Jugendlichen leben - nicht dort, wo es am einfachsten ist.
Das duale System hat das Potenzial, Integration zu ermöglichen. Es ist das beste Instrument, das Deutschland hat, um junge Menschen mit Migrationshintergrund nicht nur zu beschäftigen, sondern zu qualifizieren. Aber dieses Potenzial wird verschenkt. Nicht, weil die Jugendlichen nicht gut genug sind. Sondern weil das System nicht fair ist.
Es geht nicht um Gleichheit - es geht um Gerechtigkeit
Chancengleichheit klingt nach einem schönen Wort. Aber Gleichheit ist nicht immer gerecht. Wenn zwei Schülerin mit Migrationshintergrund auf dem Weg zur Ausbildung sind - eine mit Deutsch als Muttersprache, eine mit Türkisch -, dann ist es nicht gerecht, ihnen die gleiche Unterstützung zu geben. Die eine braucht vielleicht nur eine Bewerbungshilfe. Die andere braucht Sprachkurse, Mentoring, Unterstützung bei den Eltern, Hilfe bei der Suche nach einem Betrieb, der offen ist.
Es geht nicht darum, allen das Gleiche zu geben. Es geht darum, jedem das zu geben, was er braucht, um erfolgreich zu sein. Und das ist kein Luxus. Das ist eine gesellschaftliche Pflicht.
Warum haben migrantische Frauen in der Berufsbildung die schlechtesten Chancen?
Migrantische Frauen sind von mehreren Faktoren betroffen: Sie leiden unter doppelten Vorurteilen - wegen ihres Geschlechts und ihres Migrationshintergrunds. Arbeitgeber vergeben oft Ausbildungsplätze an junge Männer ohne Migrationshintergrund, weil sie ihnen vertrauter erscheinen. Zudem werden migrantische Frauen häufig in „typisch weibliche“ Berufe gedrängt, während sie in technischen oder handwerklichen Ausbildungen abgelehnt werden - selbst wenn sie die gleichen Noten haben. Sprachbarrieren, fehlende soziale Netzwerke und mangelnde Unterstützung in der Schule verschärfen die Situation.
Spielt der Schulabschluss eine Rolle bei der Chancengleichheit?
Ja, aber nicht nur. Selbst bei identischem Schulabschluss - zum Beispiel Realschulabschluss oder Abitur - haben Jugendliche mit Migrationshintergrund deutlich geringere Chancen auf einen betrieblichen Ausbildungsplatz. Bei Realschulabsolventen landen nur 32 % mit Migrationshintergrund in einer Ausbildung, während es bei den ohne Migrationshintergrund 43 % sind. Das zeigt: Der Migrationshintergrund ist ein unabhängiger, negativer Faktor - unabhängig von Noten oder Bildung.
Warum haben Jugendliche mit türkischem Hintergrund schlechtere Chancen als andere Migranten?
Weil Vorurteile oft mit Herkunftsregionen verknüpft sind. Viele Arbeitgeber assoziieren „türkisch“ mit geringer Integration - obwohl viele dieser Jugendlichen in Deutschland geboren sind und Deutsch als Muttersprache sprechen. Diese Stereotypen wirken subtil, aber wirksam. Jugendliche mit osteuropäischem Hintergrund werden dagegen oft als „besser integriert“ wahrgenommen - obwohl ihre Bildungsbiografien ähnlich sind.
Was passiert mit Jugendlichen, die keinen Ausbildungsplatz finden?
Viele landen im Übergangssystem: Berufsvorbereitungsjahr, Einstiegsqualifizierung oder andere Bildungsmaßnahmen. Etwa 28 % der Bewerber mit Migrationshintergrund verbringen Zeit in solchen Programmen - doppelt so viele wie andere. Doch diese Programme führen nicht automatisch zu einem anerkannten Berufsabschluss. Sie sind ein Notbehelf - kein Ersatz für eine echte Ausbildung.
Gibt es erfolgreiche Ansätze, um die Chancen zu verbessern?
Ja, aber nur lokal. In Berlin gibt es Mentor*innen-Programme, die Jugendliche bei Bewerbungen begleiten. In Nordrhein-Westfalen werden Betriebe finanziell belohnt, wenn sie Migranten ausbilden. In Bayern gibt es Berufsberatung in mehreren Sprachen. Doch es fehlt ein bundesweiter, verbindlicher Plan. Solange es nur Einzelfälle gibt, bleibt die Ungleichheit bestehen.