Seit 2009 hat Deutschland die UN-Behindertenrechtskonvention unterschrieben - und damit verpflichtet, dass jedes Kind, unabhängig von seinen Fähigkeiten oder Einschränkungen, in die reguläre Schule gehört. Doch was bedeutet das für Lehrkräfte, die heute studieren? Inklusives Unterrichten ist längst kein Zusatzthema mehr. Es ist die Grundlage dafür, dass Schule für alle funktioniert. Und doch ist die Ausbildung vieler angehender Lehrkräfte noch lange nicht darauf vorbereitet.
Warum Inklusion nicht optional sein kann
Inklusion ist kein pädagogischer Luxus. Sie ist eine rechtliche Verpflichtung. In Bayern ist sie seit 2024 im Schulgesetz verankert: Jede Schule muss inklusiv arbeiten. Das bedeutet: Kinder mit Lernschwierigkeiten, mit körperlichen Einschränkungen, mit Sprachförderbedarf oder mit anderen Formen von Heterogenität gehören einfach dazu. Keine Ausnahme. Kein Sonderweg. Kein „wenn es geht“.Doch wie soll das gelingen, wenn Lehrkräfte nur in einigen Fächern, in einzelnen Modulen oder nach eigenem Interesse etwas über Inklusion lernen? Das reicht nicht. Eine Studie des Monitor Lehrkräftebildung aus dem Jahr 2022 zeigt: In vielen Bundesländern ist das Thema Inklusion noch immer nicht verpflichtend für alle Lehramtsstudiengänge. Das ist ein Problem - denn Lehrkräfte, die später an Gymnasien, Realschulen oder Berufsschulen unterrichten, treffen genauso auf heterogene Lerngruppen wie Grundschullehrer.
Es gibt keinen Grund, warum ein angehender Physiklehrer nicht lernen sollte, wie er einen Schüler mit Aufmerksamkeitsstörung oder einen Zuwanderer mit geringen Deutschkenntnissen im Unterricht mitnimmt. Inklusion ist keine Sache der Sonderpädagogik. Sie ist eine Sache des Unterrichts selbst.
Was in den Studiengängen wirklich passiert
In den meisten Bundesländern gibt es mittlerweile zumindest eine Lehrveranstaltung zum Thema Inklusion. Aber oft nur eine. Einmal im Studium. Ein Seminar mit 30 Studierenden. Einmalige ECTS-Punkte. Danach wird das Thema nicht mehr erwähnt - nicht in der Didaktik, nicht in der Fachwissenschaft, nicht in der Praxisphase.Baden-Württemberg macht es anders. Seit 2015 müssen alle angehenden Lehrkräfte - egal ob für Grundschule, Gymnasium oder Berufsschule - mindestens sechs ECTS-Punkte im Bereich Inklusion absolvieren. Das ist kein einzelnes Seminar. Das ist ein durchgehendes Thema, das in Bildungswissenschaften, Fachdidaktiken und sogar in den Fächern selbst verankert ist. Die Lehrveranstaltungen behandeln nicht nur Theorie. Sie fragen: Wie gestalte ich eine Mathe-Stunde, wenn drei Schüler unterschiedliche Lernvoraussetzungen haben? Wie kooperiere ich mit dem Schulpsychologen? Wie spreche ich mit Eltern, die sich Sorgen machen?
An der Technischen Universität München gibt es ein Modul namens „In beruflichen Schulen Potenziale fördern“. Es ist verpflichtend für alle Studierenden des Lehramts Berufliche Bildung - und es beginnt gleich im Bachelor. Kein „wenn du Interesse hast“, sondern „du musst das können“. Das ist der Standard, den alle Bundesländer brauchen.
Warum nur ein Seminar nicht reicht
Ein einzelnes Seminar kann nicht lehren, wie man in einer Klasse mit 25 Schülern unterschiedlichste Bedürfnisse adressiert. Es kann nicht lehren, wie man mit Kollegen spricht, die Inklusion als Belastung sehen. Es kann nicht lehren, wie man mit Schulverwaltung, Fördermitteln oder Zeitplänen umgeht.Die echte Herausforderung liegt nicht im Wissen, sondern in der Haltung. In der Überzeugung, dass jedes Kind lernen kann - auch wenn es anders lernt. In der Bereitschaft, Unterrichtspläne zu ändern, Materialien anzupassen, Methoden zu variieren. Und das lernt man nicht in einem Semester. Das lernt man, wenn Inklusion durchgängig im Curriculum verankert ist.
Die Expertin Melanie Rischke sagt es klar: „Es reicht nicht, dass Studierende nur vereinzelt die Gelegenheit bekommen, inklusive Kompetenzen zu erwerben.“ Inklusion muss ein Querschnittsthema sein - wie Lesen, Schreiben oder Rechnen. Es gehört in jede Fachdidaktik. In jedes Praktikum. In jede Prüfung.
Was fehlt: Kooperation, Sprache, Praxis
In vielen Studiengängen fehlen drei zentrale Elemente:- Kooperation mit multiprofessionellen Teams: Lehrkräfte arbeiten nicht allein. Sie brauchen Zusammenarbeit mit Sonderpädagogen, Schulpsychologen, Sozialarbeitern, Therapeuten. Doch in wie vielen Lehramtsstudiengängen lernen Studierende, wie man solche Teams strukturiert?
- Sprachsensibler Unterricht: Mehr als ein Drittel der Schüler in Deutschland hat einen Migrationshintergrund. Sie brauchen nicht nur Deutschunterricht - sie brauchen fachlichen Unterricht, der ihre Sprachentwicklung unterstützt. Doch wie viele angehende Lehrer lernen, wie man Biologie oder Geschichte sprachlich aufbereitet?
- Praxiserfahrung in inklusiven Klassen: Viele Studierende machen ihr Praktikum in homogenen Klassen. Sie sehen nie, wie man mit einem Schüler mit autistischen Merkmalen oder mit einer Lernbehinderung im regulären Unterricht arbeitet. Das ist wie ein Medizinstudent, der nie einen Patienten behandelt hat.
Die Universität Würzburg geht hier einen anderen Weg: Ihr interdisziplinäres Seminar „Inklusive Schule gestalten“ bringt Studierende aus dem Regelschullehramt und aus der Sonderpädagogik zusammen. Sie arbeiten gemeinsam an Fallbeispielen, entwickeln Unterrichtsmodelle, reflektieren ihre Haltungen. Das ist nicht nur effektiv - es ist notwendig.
Die Realität: Inklusion läuft noch schleppend
Laut dem Monitor Lehrkräftebildung wird Deutschland erst im Jahr 2047 das Ziel erreichen, jedes Kind mit Förderbedarf wirklich inklusiv zu beschulen - wenn nichts geändert wird. Das ist keine Prognose. Das ist eine Bilanz.Warum? Weil die Ausbildung nicht mit der Realität Schritt hält. Weil viele Hochschulen noch immer Inklusion als Zusatzthema behandeln. Weil es keine bundesweit verbindlichen Standards gibt. Weil es keine klaren Kompetenzstandards für alle Lehramtstypen gibt.
Und das ist das Kernproblem: Inklusion wird oft als Aufgabe der Sonderpädagogik verstanden - nicht als Aufgabe aller Lehrkräfte. Dabei ist die Wahrheit einfach: Es gibt keine Schule ohne Heterogenität. Es gibt nur Schule mit unterschiedlichen Lernbedürfnissen. Und jede Lehrkraft muss lernen, damit umzugehen.
Was braucht die Zukunft?
Es braucht drei Dinge:- Verpflichtende Module für alle Lehramtsstudiengänge: Mindestens 12 ECTS-Punkte, verteilt über Bachelor und Master, in Bildungswissenschaften, Fachdidaktiken und Praxisphasen.
- Integration in alle Fächer: Inklusive Didaktik gehört in die Chemie-Didaktik, in die Geschichte-Didaktik, in die Mathematik-Didaktik. Nicht nur in die Pädagogik.
- Praxis in realen inklusiven Klassen: Jeder Studierende muss mindestens ein Praktikum in einer heterogenen Klasse absolvieren - nicht in einer „idealisierten“ Schule, sondern in einer, die tagtäglich mit Heterogenität umgeht.
Die Zeit der Experimente ist vorbei. Die Zeit der Pilotprojekte ist vorbei. Die Zeit der halben Lösungen ist vorbei. Inklusives Unterrichten ist keine Option. Es ist die Grundlage dafür, dass Schule gerecht wird.
Was passiert, wenn nichts passiert?
Wenn angehende Lehrkräfte nicht lernen, wie man inklusiv unterrichtet, dann bleibt Inklusion ein schönes Wort - aber keine Realität. Kinder mit Förderbedarf werden weiterhin abgeschoben, in Förderklassen, in Sonderklassen, in die Ecken. Lehrkräfte fühlen sich überfordert. Eltern verlieren das Vertrauen. Und die Schule verliert ihren Auftrag: Bildung für alle.Es ist nicht mehr die Frage, ob wir Inklusion wollen. Die Frage ist: Wie schnell lernen wir, es richtig zu machen?
Ist Inklusives Unterrichten in allen Bundesländern Pflicht in der Lehrerausbildung?
Nein. Obwohl fast alle Bundesländer mindestens eine Lehrveranstaltung zu Inklusion anbieten, ist sie nur in zehn Ländern für alle Lehramtstypen verpflichtend. In den meisten Bundesländern bleibt es ein optionales Angebot - besonders für Gymnasial- und Berufsschullehrkräfte. Das ist ein strukturelles Defizit, das die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention behindert.
Welche Kompetenzen sollten angehende Lehrkräfte unbedingt lernen?
Drei Kernkompetenzen: Erstens, individuelle Förderung planen - also Lernstände erkennen und differenziert unterrichten. Zweitens, mit multiprofessionellen Teams zusammenarbeiten - mit Sonderpädagogen, Psychologen, Sozialarbeitern. Drittens, sprachsensibel unterrichten - besonders wichtig für Kinder mit Migrationshintergrund oder Sprachförderbedarf. Diese Fähigkeiten gehören in jedes Fach und jede Phase des Studiums.
Warum ist Inklusion kein Thema nur für Grundschullehrer?
Weil Heterogenität in jeder Klassenstufe existiert. In der 7. Klasse gibt es Schüler mit Lernschwierigkeiten, mit ADHS, mit Sprachförderbedarf, mit familiären Belastungen. In der 10. Klasse gibt es Jugendliche mit Lern- oder Verhaltensproblemen, die in der Regelschule bleiben sollen. Ein Physiklehrer, der nicht weiß, wie er einen Schüler mit Lese-Rechtschreibschwäche unterstützt, kann ihn nicht erfolgreich unterrichten. Inklusion ist keine Grundschulfrage - sie ist eine Unterrichtsfrage.
Gibt es erfolgreiche Beispiele für Pflichtmodule?
Ja. Baden-Württemberg hat seit 2015 sechs ECTS-Punkte verpflichtend für alle Lehramtsstudiengänge eingeführt - mit Integration in Fachdidaktiken und Praxisphasen. An der TUM gibt es ein verpflichtendes Modul für Berufsschullehrkräfte, das bereits im Bachelor beginnt. In Würzburg arbeiten Regelschul- und Sonderpädagogik-Studierende gemeinsam an realen Fallbeispielen. Diese Modelle zeigen: Es ist machbar - und es funktioniert.
Was können Studierende tun, wenn ihr Studiengang Inklusion nicht verpflichtet?
Sie sollten selbst aktiv werden: Praktika in inklusiven Schulen suchen, zusätzliche Seminare in Sonderpädagogik belegen, sich in Arbeitsgruppen oder Studienkreisen engagieren. Sie können auch Lehrende ansprechen und nach einer Integration von Inklusionsthemen in ihre Fachdidaktik fragen. Inklusion ist kein Wunsch - sie ist eine Berufspflicht. Wer sie später nicht beherrscht, unterrichtet ungleich.