Ein Kindergarten in Wien sollte nicht besser sein als einer in Graz oder Innsbruck. Doch so ist es nicht. Obwohl Österreich seit 2009 einen BildungsRahmenPlan für elementare Bildungseinrichtungen hat, der Kindergärten offiziell als Bildungsorte anerkennt, bleibt die Qualität oft abhängig davon, in welchem Bundesland ein Kind aufwächst. Das ist kein Zufall. Es ist ein Systemproblem.
Was genau sind die Qualitätsstandards in österreichischen Kindergärten?
Die offiziellen Standards basieren auf dem BildungsRahmenPlan, der seit 2009 in allen neun Bundesländern gilt. Er legt fest, dass Kindergärten nicht nur Aufsichts- oder Betreuungseinrichtungen sind, sondern aktive Lernorte, in denen Kinder soziale, emotionale und kognitive Fähigkeiten entwickeln. Doch der Rahmenplan ist nur der Anfang. Was fehlt, sind verbindliche, messbare Regeln für die tägliche Praxis.
Was zählt wirklich? Drei Dinge: Wie viele Kinder ein Erzieher betreut, wie viel Raum zur Verfügung steht, und wie gut das Personal ausgebildet ist. Diese Faktoren entscheiden darüber, ob ein Kind in einem Kindergarten geborgen und gefordert wird - oder nur aufgehoben.
Der Fachkraft-Kind-Schlüssel: Der entscheidende Faktor
Ein Kind unter drei Jahren braucht mehr Aufmerksamkeit als ein Vierjähriger. Das ist keine Meinung, das ist Forschung. Die Initiative „Auftrag Bildung. Trägerinitiative Kinderbetreuung“ fordert für Krippenkinder einen Schlüssel von 1:3 bis maximal 1:5. Das heißt: Maximal fünf Kinder pro Erzieherin oder Erzieher. Doch in der Realität liegt der Durchschnitt oft bei 1:6 oder sogar schlechter.
Warum ist das so wichtig? Weil kleine Kinder nicht lernen, indem sie etwas vorgeführt bekommen. Sie lernen durch Interaktion - durch Blickkontakt, durch Berührung, durch das Gefühl, gesehen zu werden. Wenn eine Erzieherin 12 Kinder betreut, hat sie pro Kind weniger als drei Minuten pro Stunde für echte Beziehungsaufbau. Das reicht nicht. Studien zeigen: Kinder in Einrichtungen mit niedrigeren Schlüsseln entwickeln sich sprachlich, sozial und emotional deutlich besser.
Und was ist mit Kindern ab drei Jahren? Hier wird oft ein Schlüssel von 1:10 als „akzeptabel“ bezeichnet. Doch selbst das ist knapp bemessen. In Finnland oder Dänemark liegt der Standard bei 1:7 - und das ist kein Luxus, das ist Grundlage guter Pädagogik.
Raum und Umgebung: Mehr als nur Spielzeug
Ein Kindergarten braucht nicht bunte Wände. Er braucht Raum - genug Raum. Der BildungsRahmenPlan empfiehlt mindestens 2,5 bis 4 Quadratmeter pro Kind im Gruppenraum. Für Kinder unter drei Jahren sind 6 Quadratmeter pro Kind notwendig. Warum? Weil Kleinkinder nicht sitzen bleiben. Sie kriechen, laufen, stürzen, erkunden. Sie brauchen Platz, um sich zu bewegen, ohne sich gegenseitig zu behindern.
Und draußen? Jede Einrichtung sollte einen eigenen, sicheren Bewegungsraum haben. Ideal: ein eigener Garten oder ein großzügiger, geschützter Außenbereich. Einige Kindergärten haben das. Andere teilen sich einen Hof mit drei Gruppen. Dann wird der Sandkasten zum Schlachtfeld, die Rutsche zum Wettbewerb - und das Spiel zur Stressquelle.
Ein weiterer Standard: Jede Einrichtung braucht mindestens einen Bewegungsraum von etwa 60 Quadratmetern. In vielen ländlichen Gemeinden gibt es das nicht. Oder er wird als Lagerraum genutzt, weil „es ja eh keiner sieht“.
Das Personal: Wer arbeitet in Kindergärten?
Nicht jede Erzieherin ist gleich. Die Qualität hängt von der Ausbildung ab. In Österreich gibt es mehrere Ausbildungsweg: pädagogische Hochschulen, Fachschulen, Weiterbildungen. Doch wer hat welche Qualifikation? Wer ist fest angestellt? Wer arbeitet auf Minijob-Basis? Das wird kaum dokumentiert.
Ein guter Kindergarten hat mindestens 80 % seiner pädagogischen Kräfte mit einer abgeschlossenen Ausbildung. Doch in privaten Einrichtungen, die 44,6 % der Betreuungsplätze anbieten, ist das nicht immer der Fall. Manche Träger setzen auf günstige Hilfskräfte, weil sie nicht genug Geld haben - oder nicht wollen.
Und was ist mit den Leiterinnen und Leitern? Sie brauchen Zeit. Zeit, um das Team zu unterstützen, mit Eltern zu sprechen, die Pädagogik weiterzuentwickeln. Doch in vielen Einrichtungen sind sie auch als Erzieherinnen tätig - und haben keine Freistellung. Das ist kein Management. Das ist Überlastung.
Essen im Kindergarten: Ein unterschätzter Standard
Was ein Kind isst, ist Teil seiner Bildung. Doch viele Kindergärten servieren Fleisch, das deutlich über den Empfehlungen liegt. Obst, Gemüse und Hülsenfrüchte werden dagegen zu selten angeboten. Das ist kein Zufall. Es ist ein Problem der Planung, der Kosten und der Gewohnheiten.
Die D-A-CH-Ernährungsempfehlungen für Kinder von 1-3 und 4-10 Jahren sind klar: Mehr Vollkorn, mehr Gemüse, weniger Fleisch, weniger Zucker. Doch wer kontrolliert das? Wer schult die Köche? Wer sorgt dafür, dass die Kinder lernen, gesund zu essen - und nicht nur, dass sie satt werden?
Einige Kindergärten haben das verstanden. Sie kochen mit regionalen Produkten, lassen Kinder mithelfen, erklären, wo das Essen herkommt. Das ist Bildung. Und es kostet nicht mehr - nur Mut und Struktur.
Warum gibt es keine bundesweiten Regeln?
Österreich ist ein Bundesstaat. Jedes Land hat eigene Regeln. Das ist nicht schlecht an sich. Aber wenn ein Kind in Salzburg eine qualitativ hochwertige Betreuung bekommt und in der Steiermark nicht - dann ist das ungerecht.
Die Zahlen sprechen: 72,9 % der Kindergärten sind in öffentlicher Hand. Doch auch hier gibt es große Unterschiede. In Wien ist die Infrastruktur besser, die Ausbildung standardisierter. In ländlichen Regionen fehlt es an Personal, an Geld, an Expertise. Und private Träger? Sie sind oft auf Gewinn ausgerichtet. Das ist nicht per se schlecht. Aber wenn Qualität von der Finanzkraft des Trägers abhängt, dann ist das kein Bildungssystem - das ist ein Markt.
Die Expertise von MD-A Paschon vom Oktober 2023 sagt es klar: „Die große Varianz an Rahmenbedingungen führt zu fluktuierender pädagogischer Mindestqualität.“ Das ist kein Nebeneffekt. Das ist das System.
Wie wird Qualität gemessen?
Es gibt Instrumente. Die Kindergarten-Skala (KES-R), die Krippen-Skala (KRIPS-R), die Hort-Skala (HUGS). Sie wurden vom Charlotte-Bühler-Institut entwickelt und in Tirol, Oberösterreich und Wien getestet. Sie messen Gruppengröße, Raumqualität, Personalqualifikation, Freistellungszeiten - alles, was zählt.
Doch wer nutzt sie? Nur wenige Einrichtungen. Die meisten werden von den Landesbehörden nur nach Formvorschriften kontrolliert: Ist die Toilette sauber? Ist die Feuerlösch-Ausrüstung vorhanden? Das ist wichtig. Aber es ist nicht Bildung.
Die Validierung durch das Charlotte-Bühler-Institut hat gezeigt: Wenn Einrichtungen diese Instrumente nutzen, verbessert sich die Qualität. Die Pädagoginnen und Pädagogen reflektieren, planen, verändern. Sie werden zu Expertinnen und Experten - nicht nur zu Beschäftigten.
Was kann sich ändern?
Es gibt keine magische Lösung. Aber es gibt klare Schritte:
- Bundesrahmengesetz: Ein Gesetz, das verbindliche Mindeststandards für Schlüssel, Raum, Ausbildung und Verpflegung festlegt - für ganz Österreich.
- Regelmäßige, unangekündigte Prüfungen: Nicht nur nach Papier, sondern nach Praxis. Mit den Messinstrumenten. Mit echten Beobachtungen.
- Finanzierung: Mehr Geld für die Einrichtungen, die wirklich gute Pädagogik machen - nicht für die, die am meisten Personal haben, sondern für die, die am besten arbeiten.
- Qualifizierung: Alle pädagogischen Kräfte müssen Zugang zu fortlaufender Weiterbildung haben. Kostenlos. Pflicht. Nicht freiwillig.
Die UN-Kinderrechtskonvention sagt: Jedes Kind hat das Recht auf Bildung - und das nicht nach Herkunft, nicht nach Geld, nicht nach Bundesland. Das ist kein Wunsch. Das ist ein Recht.
Was Eltern tun können
Sie müssen nicht warten, bis die Politik handelt. Eltern können fragen: Wie viele Kinder betreut Ihre Erzieherin? Haben Sie einen eigenen Garten? Wie oft finden Fortbildungen statt? Wer kocht bei Ihnen? Ist das Essen nach den D-A-CH-Empfehlungen ausgerichtet?
Und wenn die Antworten unklar sind? Dann suchen Sie weiter. Denn Ihr Kind verdient mehr als eine Aufbewahrung. Es verdient eine Bildung - und die fängt mit Qualität an.
2 Kommentare
Stefan Sobeck
Ich find's krass, wie viele Leute immer noch denken, Kindergarten ist nur 'Kinderbewachung'. Das ist doch wie sagen, Schule ist nur 'Buchstaben vorlesen'.
Mein Sohn hat in Graz gelernt, dass man sich mit Worten streiten kann - nicht mit den Händen. Das hat ihn geprägt. Und das ist Bildung.
Francine Ott
Die systemische Ungleichheit in der frühkindlichen Bildung ist ein ethisches Versagen. Die UN-Kinderrechtskonvention ist kein Vorschlag, sondern ein verbindliches internationales Abkommen, das Österreich unterschrieben hat. Die fragmentierte Umsetzung über Bundesländer hinweg verstößt gegen Artikel 28 und 29. Es ist nicht nur eine pädagogische, sondern eine rechtliche Verpflichtung, gleiche Chancen zu gewährleisten.