Trauma und Schule in Österreich: Unterstützungsangebote für betroffene Schüler

Wenn ein Kind nach einer Flucht nicht mehr schlafen kann, sich in der Klasse abschottet oder plötzlich ausbricht, dann ist das oft kein "falsches Verhalten". Es ist eine Reaktion auf ein Trauma. In Österreich sitzen in vielen Schulen Kinder, die Krieg, Gewalt oder Verlust erlebt haben. Doch die Schule ist oft der einzige Ort, an dem sie Unterstützung finden - wenn sie denn da ist.

Was passiert in der Schule, wenn Kinder traumatisiert sind?

Ein traumatisiertes Kind braucht nicht unbedingt eine Therapie. Es braucht Ruhe. Stabilität. Ein Gefühl von Sicherheit. Aber in vielen Klassenräumen fehlt genau das: das Verständnis dafür, warum ein Schüler nicht aufmerksam ist, warum er sich wehrt, warum er nicht mehr spricht. Die Schule reagiert oft mit Strafen oder Aufforderungen, die das Kind nur noch weiter zurückziehen.

Stattdessen braucht es Ansätze, die nicht auf das Trauma selbst schauen, sondern auf die Folgen: auf Schlafstörungen, auf Angst, auf Konzentrationsschwäche. Das Programm Kräfte stärken - Trauma bewältigen ist eine der wenigen Initiativen in Österreich, die genau das tut.

Wie funktioniert "Kräfte stärken - Trauma bewältigen"?

Das Programm wurde 2023 vom Verein AFYA in Wien gestartet und basiert auf dem international bewährten TRT-Konzept (Teaching Recovery Techniques). Es ist kein Therapieangebot. Es ist kein Einzelgespräch. Es ist eine Gruppenarbeit, die direkt im Schulalltag stattfindet.

  • 8 Wochen lang, jeweils zwei Stunden pro Woche, treffen sich Gruppen von 8 bis 12 Kindern.
  • Die Kinder sind homogen zusammengestellt: gleiche Sprache, ähnliches Alter, ähnliche Herkunft.
  • Trainer:innen sprechen die Muttersprache der Kinder - oft sind sie selbst aus den Herkunftsländern geflüchtet.
  • Die Sitzungen behandeln sechs Kernthemen: Psychoedukation, Stressbewältigung, Schlafprobleme, Angstmanagement, intrusives Gedankenkreisen und Zukunftsplanung.

Keine Frage nach dem Krieg. Keine Auseinandersetzung mit dem Trauma. Stattdessen: praktische Werkzeuge. Atemübungen. Rituale. Körperliche Entspannung. Einfache Strategien, die das Kind selbst in der Hand hat.

Warum funktioniert das?

Weil es niederschwellig ist. Weil es keine Therapie braucht. Weil es nicht auf die Vergangenheit schaut, sondern auf die Gegenwart.

Immer wieder wird betont: Die Wartelisten für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Österreich sind lang. Monatelang warten Familien auf einen Termin. Doch eine Schule kann nicht warten. Ein Kind, das jeden Morgen zittert, kann nicht lernen. Das Programm bietet eine Brücke: schnelle, direkte Hilfe, ohne lange Anträge, ohne Diagnosen, ohne Stigmatisierung.

Und es funktioniert. Eine Evaluation der Forschungsgruppe Österreichische Entwicklungszusammenarbeit (FGOE) mit 140 Schüler:innen an 9 Schulen zeigte klare Verbesserungen:

  • Signifikante Reduktion der posttraumatischen Belastung.
  • Bessere Emotionsregulation.
  • Verbesserte Konzentration im Unterricht.
  • Höhere Selbstwirksamkeit - die Kinder spüren: Ich kann etwas tun.

Ein Mittelschuldirektor aus Wien sagt es klar: "Nachdem die Kinder an eurem Programm teilgenommen haben, ist wieder mehr Ruhe bei uns an der Schule eingekehrt."

Lehrkräfte lernen in einer Schulung körperliche Entspannungstechniken zur Traumabewältigung.

Was passiert außerhalb der Gruppen?

Ein Kind lebt nicht nur in der Schule. Es lebt in einer Familie. In einer Kultur. Deshalb ist das Programm nicht nur auf die Kinder beschränkt.

  • 18 Elternabende wurden durchgeführt - mit Übersetzer:innen, mit konkreten Tipps, mit Raum für Fragen.
  • 2 Workshops für Lehrkräfte - nicht als Schulung, sondern als Austausch: Was kann ich tun, wenn ein Kind zusammenbricht? Wie rede ich mit einem Kind, das nicht sprechen will?

Das ist entscheidend. Denn wenn die Lehrer:innen nichts verstehen, wenn die Eltern sich ausgeschlossen fühlen, dann bricht das Programm zusammen. Die Evaluation bestätigt: Ohne diese Begleitmaßnahmen wäre der Erfolg nicht möglich gewesen.

Was ist anders als bei Therapie?

Therapie fragt: Was ist passiert? Wie fühlt sich das an? Wie kann man es verarbeiten?

"Kräfte stärken" fragt: Was brauchst du jetzt? Wie kannst du dich beruhigen? Wie kannst du wieder schlafen? Wie kannst du dich morgen wieder auf die Schule konzentrieren?

Das ist kein Ersatz für Therapie. Aber es ist eine lebenswichtige Zwischenlösung. Für viele Kinder ist es der erste Schritt zurück ins Leben. Ein Kind, das lernt, mit seinen Ängsten umzugehen, wird später auch bereit sein, tiefer zu gehen - wenn es soweit ist.

Eltern aus verschiedenen Herkunftsländern nehmen an einem Abendtreffen mit Übersetzung teil.

Welche Schulen profitieren am meisten?

Nicht jede Schule mit geflüchteten Kindern braucht dieses Programm. Es ist besonders wirksam dort, wo viele Kinder aus den gleichen Krisengebieten kommen: Syrien, Afghanistan, Irak, Ukraine.

Allein in Wien sind über 12.000 Schüler:innen in diesen Ländern geboren. Und Studien zeigen: Posttraumatische Belastungsstörungen treten bei geflüchteten Kindern zehnmal häufiger auf als in der Durchschnittsbevölkerung (FGOE, 2024).

Das Programm ist nicht für alle. Es ist für die, die es am dringendsten brauchen. Und es braucht eine sorgfältige Auswahl: Nicht jedes Kind mit Fluchterfahrung ist traumatisiert. Die Evaluation empfiehlt daher, die Teilnahme gezielt zu steuern - mit Hilfe der Lehrkräfte, die die Kinder am besten kennen.

Warum ist das Programm nicht flächendeckend?

Weil es nicht bezahlt wird.

Das Programm läuft bisher auf Projektbasis. Die Trainer:innen erhalten Honorare. Die Materialien werden gedruckt. Die Räume werden gebucht. Die Koordination braucht Zeit und Personal. Und das alles kostet Geld.

Ein Minimum von 5.000 Euro ist nötig, um das Programm an einer Schule zu starten. Für eine flächendeckende Umsetzung in Wien braucht es 15.000 Euro pro Schuljahr. Bis zum 3. Februar 2026 wurden nur 8.230 Euro durch Crowdfunding gesammelt - das sind 54 Prozent des Ziels. Die Finanzierungslücke ist real.

Die Wiener Gesundheitsziele und das Bundesministerium für Gesundheit erkennen das Programm als evidenzbasiert an. Doch bislang gibt es keine strukturelle Finanzierung. Kein Budget. Kein Plan. Nur Projekte. Und Projekte enden.

Was ist die Zukunft?

AFYA will das Programm auf andere Bundesländer ausweiten. Aber das hängt von einer einzigen Frage ab: Wer zahlt?

Die Deutsche Gesellschaft für Psychotraumatologie (DeGPT) sagt klar: Traumakompetenz in Schulen ist kein Luxus. Sie ist eine Notwendigkeit. Die FGOE fordert: "Längerfristiges Bemühen um Schulung der Pädagog:innen". Das heißt: Nicht nur ein paar Workshops, sondern kontinuierliche Weiterbildung. Nicht nur für ein Jahr, sondern dauerhaft.

Die Zukunft liegt nicht in Crowdfunding. Die Zukunft liegt in Schulbudgets. In Bildungsministerien. In einem System, das nicht auf kurzfristige Projekte setzt, sondern auf nachhaltige Strukturen.

Wenn wir wollen, dass Kinder, die Krieg überlebt haben, auch eine Zukunft in Österreich haben - dann müssen wir ihnen nicht nur einen Platz in der Klasse geben. Wir müssen ihnen auch einen Kopf geben, der wieder ruhig werden kann.

Ist "Kräfte stärken - Trauma bewältigen" eine Therapie?

Nein. Es ist kein therapeutisches Angebot. Es geht nicht darum, das Trauma zu verarbeiten oder zu besprechen. Es geht darum, praktische Werkzeuge zu lernen, um mit den Folgen von Trauma umzugehen - wie Schlafstörungen, Angst oder Konzentrationsschwäche. Die Kinder lernen, ihre eigenen Ressourcen zu nutzen, ohne tief in die Vergangenheit zu gehen.

Warum arbeiten muttersprachliche Trainer:innen mit den Kindern?

Muttersprachliche Trainer:innen, die selbst aus den gleichen Herkunftsländern stammen, schaffen Vertrauen. Kinder fühlen sich verstanden, ohne dass sie erst übersetzen müssen. Sie sehen Vorbilder, die es geschafft haben - das gibt Hoffnung. Die Evaluation zeigt: Diese kultursensible Herangehensweise ist einer der wichtigsten Erfolgsfaktoren des Programms.

Kann jedes Kind mit Fluchterfahrung teilnehmen?

Nein. Nicht alle geflüchteten Kinder sind traumatisiert. Das Programm ist speziell für Kinder ausgelegt, die deutliche Belastungsanzeichen zeigen - wie Schlafstörungen, Rückzug, Angst oder Konzentrationsschwierigkeiten. Die Evaluation empfiehlt eine präzise Auswahl durch die Lehrkräfte, um die Ressourcen gezielt einzusetzen.

Wie kann eine Schule das Programm starten?

Eine Schule muss zunächst Kontakt zum Verein AFYA aufnehmen. Dann wird eine Bedarfsanalyse durchgeführt: Wie viele Kinder sind betroffen? Gibt es Sprachgruppen? Ist ein Raum verfügbar? Anschließend wird ein Finanzierungsplan erstellt - meist über Crowdfunding oder lokale Fördermittel. Die Schulbehörde muss kooperieren, Raum und Zeit bereitstellen. Die Lehrkräfte müssen bereit sein, sich einzubringen.

Warum ist die Finanzierung so schwierig?

Weil es kein festes Budget für traumasensible Schulinterventionen in Österreich gibt. Die Finanzierung läuft über Projekte, Spenden oder Crowdfunding. Das ist instabil. Ein Programm, das funktioniert, sollte nicht von der Güte einer Spendenkampagne abhängen. Es braucht strukturelle Mittel aus dem Bildungsetat, damit es nicht nach einem Jahr wieder verschwindet.

14 Kommentare

  1. Quinten Peeters

    Quinten Peeters

    Diese ganze "Trauma-Unterstützung" in Schulen ist doch nur eine billige Ablenkung von den echten Problemen: zu wenig Lehrer, überfüllte Klassen, keine Ausbildung für Pädagogen. Wir verstecken uns hinter Programmen, statt das System zu reformieren.

  2. Jutta Besel

    Jutta Besel

    Ich find’s genial, dass sie nicht aufs Trauma eingehen, sondern aufs praktische Überleben. Aber die Sprache ist soooo langweilig. Warum nicht einfach sagen: "Kinder brauchen keine Therapie, sie brauchen eine Pause"? Einfach. Klare. Wahr. 🤷‍♀️

  3. Matthias Papet

    Matthias Papet

    Das ist endlich mal was, das nicht nur redet, sondern tut. Ich hab’ als Lehrer in einer Klasse mit 12 geflüchteten Kindern gearbeitet – und ja, die meisten haben nicht gesprochen, haben sich versteckt. Aber nach zwei Wochen Atemübungen und Rituale? Ein paar haben wieder gelacht. Nicht weil sie ihr Trauma verarbeitet haben, sondern weil sie sich wieder sicher gefühlt haben. Das ist der Punkt. Keine Diagnose. Kein Pathos. Nur Raum. Und das ist mehr, als die meisten Schulen bieten.

  4. Malte Engelhardt

    Malte Engelhardt

    Endlich ein Konzept, das nicht auf die Vergangenheit fixiert ist. 🙌 Die meisten Therapien machen Kinder noch traumatisierter, weil sie sie zwingen, das Unfassbare zu beschreiben. Hier wird ihnen stattdessen gezeigt: Du hast Macht. Du kannst atmen. Du kannst schlafen. Du kannst dich beruhigen. Das ist nicht nur clever – das ist menschlich. Und die muttersprachlichen Trainer? Genial. Kinder brauchen Vorbilder, die sagen: Ich war auch da. Und ich bin noch hier.

  5. Thomas Schaller

    Thomas Schaller

    Ein Programm, das nicht heilt. Nur lindert. Und das reicht nicht. Wenn man nicht das Trauma angeht, bleibt es ein Zeitbombe. Das ist soziale Pfuscherei.

  6. Christoph Landolt

    Christoph Landolt

    Es ist bemerkenswert, wie die Gesellschaft ihre Verantwortung an pädagogische Workshops delegiert, statt strukturelle Ungleichheiten anzugehen. Die Kinder brauchen keine Atemübungen – sie brauchen eine Welt, die nicht kriegsführt. Dieses Programm ist ein Trostpflaster für eine kaputte Welt.

  7. Alexander Cheng

    Alexander Cheng

    Ich hab’ mit so einem Programm gearbeitet – als Freiwilliger. Es ist nicht perfekt, aber es funktioniert. Die Kinder kommen nicht wegen der Übungen, sondern wegen der Stabilität. Jeden Donnerstag um 14 Uhr: gleicher Raum, gleiche Trainerin, gleiche Tasse Tee. Das ist es, was sie brauchen. Nicht die Technik. Nicht die Theorie. Nur das Gefühl: Hier ist etwas Beständiges. Und das ist mehr, als die meisten von uns in ihrem Leben jemals hatten.

  8. Christian Enquiry Agency

    Christian Enquiry Agency

    Wer zahlt? Wer zahlt? Wer zahlt? Das ist doch die einzige Frage, die zählt. Wir reden über Kinder, aber wir schauen nicht auf die Kassen. Ein Programm, das funktioniert, sollte nicht von Spenden abhängen. Es sollte Pflicht sein. Aber nein – lieber 5000 Euro für eine neue Schulhofkletteranlage als 5000 für ein Kind, das nicht mehr schlafen kann. Das ist nicht nur billig – das ist kriminell.

  9. Petra Möller

    Petra Möller

    Ich hab’ das gelesen. Und ich hab’ geweint. Nicht wegen der Kinder. Sondern weil wir das alles schon vor 10 Jahren hätten tun können. Und stattdessen haben wir sie einfach ignoriert. Jetzt? Jetzt ist es "eine gute Idee". Wann fangen wir an, nicht nur zu reden, sondern zu handeln? Ich bin so wütend.

  10. price astrid

    price astrid

    Das ist alles soooo sentimental. Kinder brauchen keine Rituale. Sie brauchen Disziplin. Struktur. Grenzen. Nicht so ein weiches, emotional aufgeladenes Theater. Wer hat das erfunden? Eine Sozialarbeiterin mit Yoga-Matze?

  11. Andreas Krokan

    Andreas Krokan

    Ich find’s cool, dass sie die Elternabende machen. Ich war mal als Vater dabei – und endlich hat jemand mir gesagt: "Du musst nicht alles verstehen, aber du musst da sein." Das war das erste Mal, dass ich mich nicht wie ein Versager gefühlt hab. Danke, dass ihr das macht.

  12. John Boulding

    John Boulding

    Ich bin Schweizer. In der Schweiz würden wir das nicht als "Programm" bezeichnen. Wir würden es in den Lehrplan integrieren. Und es wäre finanziert. Kein Crowdfunding. Kein Projekt. Kein "wenn wir Zeit haben". Hier geht es nicht um Trauma. Es geht um Systemversagen.

  13. Peter Rey

    Peter Rey

    5000 Euro? Für ein Programm, das Kinder rettet? Das ist billiger als ein neues Fußballtor. Warum zahlen wir für Spielzeug, aber nicht für Seelen? 😅

  14. Seraina Lellis

    Seraina Lellis

    Ich arbeite als Sprachlehrerin an einer Wiener Mittelschule und habe das Programm live miterlebt. Es ist nicht perfekt, aber es ist das Einzige, das wirklich funktioniert. Die Kinder, die vorher nie etwas gesagt haben, fangen an, über ihre Träume zu reden – nicht über Krieg, sondern über das, was sie morgen essen wollen. Das ist der Moment, in dem du merkst: Sie kommen zurück. Nicht weil wir sie geheilt haben, sondern weil wir ihnen Raum gegeben haben. Und das ist mehr, als viele Eltern, Lehrer oder Politiker ihnen jemals gegeben haben.

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