Differenziertes vs. integriertes Schulsystem: Die Debatte in Österreich

Österreich teilt seine Schüler schon mit zehn Jahren in zwei verschiedene Schulwege auf. Die eine Gruppe geht in die AHS-Unterstufe, die andere in die Mittelschule. Kein anderes EU-Land trifft diese Entscheidung so früh. Und diese Entscheidung bestimmt nicht nur, welcher Lehrplan folgt - sie prägt den ganzen weiteren Lebensweg. Die Debatte darüber, ob das richtig ist, tobt seit Jahrzehnten. Doch die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache.

Wie funktioniert das differenzierte System wirklich?

Nach der vierten Volksschulklasse stehen die Kinder vor einer Weichenstellung: Entweder zur AHS-Unterstufe oder zur Mittelschule. Die AHS-Unterstufe führt nach vier Jahren zur Oberstufe und später zur Universität. Die Mittelschule bereitet auf Berufe vor - mit drei Jahren danach entweder in die BMS, die Polytechnische Schule oder direkt in die Arbeitswelt. Die Verfassung sagt, dass das System "angemessen differenziert" sein muss. Doch was heißt das genau? Seit 2019 fragt der Verfassungsgerichtshof genau das: Ist es wirklich notwendig, dass Kinder nach der vierten Klasse in zwei getrennte Schulen laufen?

Die Zahlen zeigen: Wer aus einer Familie mit akademischem Hintergrund kommt, hat fast eine 80-prozentige Chance, in die AHS-Unterstufe zu kommen. Wer aus einer Arbeitnehmerfamilie stammt, schafft das nur mit knapp 37 Prozent. Das ist kein Zufall. Es ist ein System, das soziale Herkunft stark in den Bildungsweg einfließen lässt. Der PISA-Bericht 2018 zeigt: Österreich hat den größten sozialen Leistungsunterschied in der Mathematik unter allen OECD-Ländern - 72 Punkte. In Finnland sind es 34. In Kanada 31. Was heißt das? In Österreich entscheidet nicht nur die Begabung, sondern oft die Geldbörse der Eltern, ob ein Kind später studieren kann.

Warum verteidigen manche das alte System?

Die Befürworter sagen: Jeder Schüler hat andere Stärken. Wer gut in Mathe und Deutsch ist, braucht andere Anforderungen als jemand, der handwerklich begabt ist. Die AHS-Unterstufe bietet tiefergehende Theorie, die Mittelschule praktische Fähigkeiten. Bildungsminister Heinz Faßmann sagte 2018: "Wir machen kein Zweiklassensystem - wir machen ein passgenaues Bildungssystem." Und es gibt durchaus Erfolge: Schüler an AHS-Unterstufen erreichen im Durchschnitt 502 Punkte in Mathematik - deutlich über dem OECD-Schnitt von 489. Lehrkräfte an diesen Schulen berichten von homogeneren Klassen, weniger Verhaltensproblemen und einem ruhigeren Unterricht.

Die Mittelschullehrkräfte sagen: Ohne diese Trennung wäre es unmöglich, die Kinder individuell zu fördern. 72 Prozent von ihnen halten die frühe Aufteilung für notwendig. Warum? Weil sie sehen, wie schwer es ist, in einer Klasse mit 30 Kindern - von starken Rechnern bis zu denen, die kaum Deutsch sprechen - gleichzeitig auf allen Ebenen zu unterrichten. Die Schuleingangsscreenings seit 2019 haben zwar die Wiederholerquote in der ersten Klasse um 15 Prozent gesenkt, aber auch die Segregation verstärkt: Kinder mit Migrationshintergrund landen oft früher in der Mittelschule - nicht weil sie schlechter sind, sondern weil sie zu Beginn noch nicht genug Deutsch können.

Ein bunt gemischter Klassenraum mit Kindern aller Hintergründe, die gemeinsam lernen.

Was passiert in integrierten Schulen?

In Vorarlberg läuft seit 2018 ein Experiment: 37 Schulen haben das Modell der "Integrierten Gesamtschule" eingeführt. Hier lernen alle Kinder von 10 bis 14 Jahren gemeinsam. Erst ab der neunten Klasse wird in Richtungen wie AHS, BHS oder BMS aufgeteilt. Die Ergebnisse? Eine 18,7 Prozent höhere Bildungsgerechtigkeit. Das bedeutet: Kinder aus sozial schwachen Familien erreichen deutlich häufiger einen höheren Abschluss als früher. Aber es hat einen Preis: Der Lehreraufwand steigt um 12,3 Prozent. Lehrer brauchen mehr Zeit, mehr Material, mehr Planung. Sie müssen unterschiedliche Lernwege gleichzeitig anbieten - ohne die Kinder zu überfordern oder zu unterfordern.

Das ist kein Zauberspruch. Es ist Arbeit. Und es braucht Ressourcen. Aber die Studie der Sporthochschule Köln zeigt: Die Kinder fühlen sich wohler. Sie haben weniger Angst, "abgehängt" zu werden. Und die Eltern? Sie fühlen sich nicht mehr gezwungen, ihre Kinder in eine "bessere" Schule zu drängen - nur weil sie Angst vor dem sozialen Abstieg haben. Ein Kommentar auf schule.at aus dem Jahr 2023 fasst es zusammen: "Die Entscheidung für die AHS war pure Angst vor dem sozialen Abstieg, obwohl mein Kind eigentlich in eine integrative Schule gehört hätte."

Warum ist Österreich so anders als andere Länder?

Österreich ist ein Ausreißer. Unter den 38 OECD-Ländern haben nur Deutschland, die Schweiz und die Niederlande ein ähnliches System. Alle anderen - Finnland, Schweden, Kanada, Dänemark, Estland - unterrichten ihre Kinder bis mindestens 15 oder 16 Jahre gemeinsam. Und sie schneiden in PISA besser ab. Warum? Weil sie nicht früh selektieren, sondern fördern. Singapur und Estland haben weniger Gesetze, mehr Autonomie für Lehrer. Österreich hat 164 Vorschriften pro Schuljahr - fast doppelt so viele wie der OECD-Durchschnitt. Das lähmt. Lehrer können nicht kreativ sein. Sie müssen Vorgaben erfüllen, nicht Kinder fördern.

Und dann ist da noch das Problem der Förderung: Nur 32,7 Prozent der Mittelschulen bieten systematische Begabtenförderung an. In AHS-Unterstufen sind es 87,4 Prozent. Das ist kein Fehler des Systems - das ist die Logik des Systems. Wer in der Mittelschule ist, bekommt weniger Unterstützung. Nicht weil er weniger kann, sondern weil das System das nicht vorsieht.

Eine zerbrochene Treppe teilt sich in zwei Wege, während ein gemeinsamer Pfad nach oben führt.

Was ändert sich jetzt?

Ende 2023 hat die Bundesregierung 50 Pilotprojekte für integrierte Schulen beschlossen - ab Schuljahr 2024/25. Das ist kein kleiner Schritt. Das ist ein politischer Bruch. Die ÖVP, die jahrzehntelang das differenzierte System verteidigt hat, akzeptiert jetzt, dass es Verbesserung braucht. Gleichzeitig plant die SPÖ für die Nationalratswahl 2024 eine "Primarschule II" - eine gemeinsame Schule für alle Kinder von 10 bis 14 Jahren. Keine AHS-Unterstufe. Keine Mittelschule. Nur eine Schule, die alle aufnimmt.

Die OECD prognostiziert: Wenn Österreich bis 2030 schrittweise integriert, könnte die Bildungsgerechtigkeit um 20 Prozent steigen. Die Schulabbrecherquote sinkt um 15 Prozent. Die Kosten? 1,2 Milliarden Euro pro Jahr. Ein hoher Preis. Aber ein geringerer als der Preis der Ungerechtigkeit - jahrelang verpasste Chancen, verlorene Talente, eine Gesellschaft, die sich selbst behindert.

Was bleibt?

Es geht nicht um die Frage, ob ein System besser ist. Es geht um die Frage: Was wollen wir als Gesellschaft? Sollen wir Kinder nach ihrem sozialen Hintergrund sortieren? Oder sollen wir sie alle zusammenbringen und dafür sorgen, dass jeder seine Chance bekommt - egal woher er kommt?

Die Daten zeigen: Die frühe Trennung schadet mehr, als sie nützt. Sie verstärkt Ungleichheit. Sie schafft Ängste. Sie verliert Talente. Und sie macht Lehrer zu Polizisten, die überprüfen, wer wo hingehört - statt zu Pädagogen, die lernen, wie man jeden fördert.

Die Zukunft liegt nicht in der Rückkehr zum alten System. Sie liegt in der Weiterentwicklung. In mehr Ressourcen für die Schulen. In mehr Vertrauen in die Lehrer. In mehr Zeit, um Kinder wirklich zu sehen - nicht als Schüler einer Klasse, sondern als Menschen mit eigenen Stärken und Schwächen.

Österreich steht an einem Wendepunkt. Die Frage ist nicht, ob man das System ändern kann. Die Frage ist: Wollen wir es? Und wenn ja - wie schnell?

Warum wird in Österreich schon mit 10 Jahren in AHS und Mittelschule getrennt?

Die Trennung erfolgt seit 1962 aufgrund einer Verfassungsregelung, die ein "differenziertes Schulsystem" vorschreibt. Der Begriff "angemessene Differenzierung" wurde damals bewusst vage formuliert, um politische Kompromisse zu ermöglichen. Heute wird kritisiert, dass diese Formulierung eine frühe soziale Selektion rechtfertigt, obwohl wissenschaftlich belegt ist, dass spätere Trennungen bessere Bildungsergebnisse bringen.

Hat das differenzierte System Vorteile?

Ja - für Schüler, die in einer homogenen Gruppe lernen, die ihrem Leistungsniveau entspricht. Lehrkräfte an AHS-Unterstufen berichten von weniger Verhaltensproblemen und einem schnelleren Lernfortschritt. Auch für Kinder, die klar beruflich orientiert sind, kann die Mittelschule praktische Fähigkeiten schneller vermitteln. Doch diese Vorteile gelten nur für diejenigen, die schon früh in die "richtige" Schule kommen - und das ist oft eine Frage der sozialen Herkunft.

Was ist der Unterschied zwischen AHS-Unterstufe und Mittelschule?

Die AHS-Unterstufe (4 Jahre) legt den Fokus auf akademische Fächer wie Mathematik, Deutsch, Fremdsprachen und Naturwissenschaften mit tieferem Anspruch. Die Mittelschule (4 Jahre) vermittelt Grundwissen, aber mit stärkerer Praxisorientierung und individueller Förderung. Der Lehrplan der Mittelschule ist flexibler, aber weniger anspruchsvoll. Die AHS führt direkt zur Oberstufe und Universität, die Mittelschule zu Berufsausbildungen.

Warum ist die Bildungsgerechtigkeit in Österreich so schlecht?

Weil die Schulentscheidung stark von der sozialen Herkunft abhängt. Kinder aus akademischen Familien gehen zu 82,4 % in die AHS-Unterstufe, Kinder aus Arbeitnehmerfamilien nur zu 37,1 %. Die frühe Trennung verstärkt bestehende Ungleichheiten. Zudem haben Mittelschulen deutlich weniger Ressourcen für Begabtenförderung - nur 32,7 % bieten systematische Förderung, im Vergleich zu 87,4 % der AHS-Unterstufen.

Gibt es schon Erfolge mit integrierten Schulen?

Ja - in Vorarlberg zeigen die 37 integrierten Schulen eine 18,7 % höhere Bildungsgerechtigkeit. Kinder aus sozial schwachen Familien erreichen deutlich häufiger einen höheren Abschluss. Auch die Schülerzufriedenheit steigt. Der Nachteil: Der Lehreraufwand erhöht sich um 12,3 %. Aber das ist kein Zeichen des Scheiterns - sondern eine Investition in Qualität.

Was bedeutet die neue Pilotphase ab 2024/25?

Die 50 Pilotprojekte sind der erste konkrete Schritt weg vom alten System. Sie erlauben Schulen, Kinder von 10 bis 14 Jahren gemeinsam zu unterrichten und erst danach zu differenzieren. Das ist kein Verfassungsbruch - der Verfassungsgerichtshof hat 2021 bestätigt, dass auch integrierte Systeme erlaubt sind. Diese Piloten sollen zeigen, wie Integration funktioniert, welche Ressourcen nötig sind und wie Lehrer geschult werden müssen.