Forschungsrahmenprogramme der EU und Deutschland: Was Horizon Europe für Forschende bedeutet

Wenn du als Forschende(r) in Deutschland oder Österreich arbeitest, dann hast du wahrscheinlich schon davon gehört: Horizon Europe. Aber was bedeutet das eigentlich für dich persönlich? Es geht nicht nur um Geld, sondern um Chancen - Chancen, deine Ideen europaweit zu entwickeln, mit den besten Köpfen zusammenzuarbeiten und Lösungen für die drängendsten Probleme unserer Zeit zu finden. Das Programm läuft von 2021 bis 2027 und hat ein Budget von 95,5 Milliarden Euro. Das ist mehr als jedes andere Forschungsprogramm der Welt. Und es ist kein abstraktes Politikprojekt - es ist ein Werkzeug, das du aktiv nutzen kannst.

Wie Horizon Europe aufgebaut ist

Horizon Europe hat drei klare Säulen, die zusammenarbeiten, aber auch unabhängig agieren können. Die erste Säule heißt "Wissenschaftsexzellenz". Hier geht es um die besten Ideen, egal wo sie herkommen. Der Europäische Forschungsrat (ERC) ist der Schlüssel hier. Er finanziert Einzelpersonen - nicht Institutionen. Du kannst als Postdoc, als Professorin oder als etablierter Forscher einen Antrag stellen. Die einzige Frage: Ist dein Projekt bahnbrechend? Nicht wie viele Publikationen du hast, nicht wie groß deine Uni ist. Sondern: Ist deine Frage neu? Ist deine Methode clever? Wenn ja, bekommst du bis zu 2,5 Millionen Euro für fünf Jahre. Und wenn du nach dem Projekt merkst, dass deine Forschung einen Markt hat - dann kannst du mit einem "Proof of Concept"-Grant von 150.000 Euro testen, ob sich das umsetzen lässt.

Daneben gibt es die Marie-Skłodowska-Curie-Maßnahmen (MSCA). Diese fördern Mobilität. Du kannst nach Frankreich, nach Spanien, nach Finnland gehen - und deine Forschung dort weiterführen. Es gibt Doctoral Networks für Doktorand:innen, Postdoctoral Fellowships für Einzelprojekte und Staff Exchanges für Teams, die sich austauschen. Die Regel: Du musst mindestens zwei Länder verbinden. Das ist kein Zufall. Die EU will, dass Wissenschaftler:innen nicht in einer Ecke sitzen, sondern sich bewegen, voneinander lernen, neue Perspektiven gewinnen.

Die zweite Säule ist "Globale Herausforderungen und industrielle Wettbewerbsfähigkeit". Hier werden Projekte gefördert, die konkret etwas lösen: Klimawandel, Gesundheit, digitale Souveränität, sichere Energie. Du musst nicht nur ein Forschungsteam haben - du brauchst auch Partner aus Industrie, Krankenhäusern, Kommunen. Es geht nicht mehr nur um Wissen, sondern um Anwendung. Ein Beispiel: Ein Forscherteam aus Graz, Berlin und Lissabon entwickelt ein neues Verfahren zur Abwasserreinigung mit KI - und ein deutsches Umwelttechnik-Unternehmen baut es in einer Stadt in Polen um. Das ist Horizon Europe in Aktion.

Die dritte Säule, "Innovatives Europa", unterstützt Start-ups, KMU und neue Technologien. Hier wird nicht nur geforscht, sondern auch produziert. Du kannst mit einem Projekt eine neue App, ein Medizinprodukt oder eine grüne Technologie entwickeln - und bekommst dafür Geld, um es auf den Markt zu bringen. Besonders wichtig: Nicht-gewinnorientierte Einrichtungen wie Universitäten oder Forschungsinstitute bekommen hier bis zu 100 Prozent der Kosten erstattet. Das heißt: Du kannst ein Projekt mit deinem Labor starten, ohne dich um Finanzen sorgen zu müssen.

Was du als Einzelperson machen kannst

Du musst nicht an einem großen Konsortium mit 15 Partnern mitwirken, um an Horizon Europe teilzunehmen. Viele Förderlinien sind für Einzelpersonen offen. Der ERC-Advanced Grant ist dafür ein Paradebeispiel. Du schreibst einen Antrag, stellst deine Forschungsfrage vor, und wenn die unabhängigen Expert:innen sagen: "Das ist revolutionär", dann bekommst du das Geld - und du bestimmst, wie du es verwendest. Keine Mikromanagement-Vorgaben, keine Zwischenberichte, die nur die Buchhaltung interessieren. Du hast Freiheit. Und das ist selten.

Die MSCA Postdoctoral Fellowships sind eine andere Möglichkeit. Du suchst dir einen Gastgeber in einem anderen Land aus - eine Uni, ein Institut, ein Labor. Du schreibst deinen eigenen Forschungsplan. Du entscheidest, was du erforschen willst. Und du bekommst ein Gehalt, Sozialversicherung, Reisekosten und sogar Unterstützung für deine Familie. Viele Forscher:innen, die diese Förderung nutzen, sagen später: "Das war der Wendepunkt in meiner Karriere. Ich habe gelernt, wie Forschung wirklich funktioniert - international, offen, ohne Grenzen."

Und dann ist da noch die European Open Science Cloud (EOSC). Das ist kein Geldprogramm, aber ein Schlüssel. Du kannst deine Daten, deine Software, deine Methoden dort hochladen - und andere aus ganz Europa können sie nutzen. Und umgekehrt: Du kannst auf Millionen von Daten zugreifen, die andere schon geteilt haben. Das spart Zeit. Es verhindert Doppelarbeit. Und es macht Forschung transparent. Wenn du noch nie davon gehört hast - jetzt ist der Zeitpunkt, dich damit zu beschäftigen.

Ein internationales Forscherteam arbeitet gemeinsam in einem modernen Labor.

Wie du dich auf den Antrag vorbereitest

Es gibt keinen Geheimtrick. Aber es gibt klare Regeln. Erstens: Lies die Arbeitsprogramme. Die EU veröffentlicht sie jedes Jahr im Funding & Tenders Portal. Sie sagen genau, welche Themen gefördert werden, wie viele Partner nötig sind, und wie hoch die Förderquote ist. Zweitens: Baue ein Team auf. Selbst wenn du als Einzelperson anträgst, brauchst du mindestens einen Partner aus einem anderen EU-Land - zum Beispiel für Daten, Tests oder Expertise. Drittens: Beginne früh. Ein guter Antrag braucht sechs bis acht Monate Vorbereitung. Du musst nicht nur schreiben - du musst Kontakte knüpfen, Protokolle austauschen, Feedback einholen.

Deutschland unterstützt dich dabei. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) hat ein eigenes Portal für Horizon Europe. Dort findest du Workshops, Beratungstermine, Musteranträge und sogar Mentoren, die dir helfen, deine Idee zu formulieren. In Graz, Innsbruck oder München gibt es Horizon Europe-Netzwerke. Gehe hin. Sprich mit anderen. Frag nach Erfahrungen. Die meisten erfolgreichen Anträge entstehen nicht im Alleingang - sie entstehen in Gesprächen.

Drei Symbole der Horizon-Europe-Säulen: Einzelperson, Zusammenarbeit, Innovation.

Was kommt nach 2027? Horizon Europe 2028-2034

Im Juli 2025 hat die Europäische Kommission den Entwurf für das zehnte Forschungsrahmenprogramm vorgelegt - kurz "FP10". Es soll ab 2028 laufen. Die Signale sind klar: Noch mehr Fokus auf KI, Quantentechnologien, klimaneutrale Technologien und die digitale Transformation von Gesundheitssystemen. Deutschland hat im Januar 2026 ein Positionspapier veröffentlicht, in dem es fordert: Keine Kürzungen. Mehr Geld für Grundlagenforschung. Stärkere Unterstützung für junge Forscher:innen. Und vor allem: Mehr Beteiligung aus Ost- und Südeuropa.

Das heißt: Horizon Europe ist nicht das Ende - es ist der Anfang eines neuen Systems. Wer jetzt lernt, wie man mit diesem Programm arbeitet, wird auch in zehn Jahren noch profitieren. Die Strukturen, die du heute aufbaust - Partnerschaften, Datenbanken, internationale Netzwerke - bleiben. Sie werden nicht verschwinden, wenn das Programm endet.

Warum das für dich wichtig ist

Forschung ist kein Einzelkämpfersport mehr. Die großen Fragen - Klima, Gesundheit, Energie, Digitalisierung - können nicht mehr von einer Uni, einem Land oder einer Disziplin allein gelöst werden. Horizon Europe zwingt dich nicht, international zu arbeiten - es gibt dir die Werkzeuge, es zu tun. Und es belohnt dich dafür.

Wenn du als Postdoc in Jena bist und eine Idee hast, die du nur mit einem Labor in Barcelona umsetzen kannst - dann gibt Horizon Europe dir die Chance, das zu tun. Wenn du als Professorin in Dresden eine neue Methode zur Krebsfrüherkennung entwickelst - dann kannst du mit einem Antrag die Technologie in Italien testen, in Schweden optimieren und in Polen in die Kliniken bringen. Du wirst nicht nur publizieren. Du wirst verändern.

Und das ist der Unterschied: Horizon Europe macht Forschung nicht nur sichtbar - es macht sie wirksam. Es geht nicht mehr nur darum, wie viele Paper du schreibst. Es geht darum, was du mit deiner Forschung verändert - in der Gesellschaft, in der Industrie, im Leben von Menschen.

Kann ich als Einzelperson einen Antrag für Horizon Europe stellen?

Ja, das kannst du. Der Europäische Forschungsrat (ERC) fördert Einzelpersonen mit Grants für Starting, Consolidator und Advanced Projects. Auch die MSCA Postdoctoral Fellowships sind für Einzelpersonen gedacht. Du brauchst kein großes Konsortium - du brauchst eine starke Forschungsfrage und einen klaren Plan. Einzige Ausnahme: Bei manchen Themenfeldern der zweiten Säule (globale Herausforderungen) sind mindestens drei Partner aus drei Ländern Pflicht.

Wie hoch ist die Förderquote bei Horizon Europe?

Das hängt vom Projekttyp ab. Bei Forschungs- und Innovationsmaßnahmen (RIA und IA) werden bis zu 100 Prozent der Kosten erstattet - besonders für Hochschulen und öffentliche Einrichtungen. Bei marktnahen Innovationsprojekten (Innovation Actions) sind es maximal 70 Prozent für gewinnorientierte Unternehmen. Aber: Nicht-gewinnorientierte Einrichtungen wie Universitäten oder Forschungsinstitute bekommen auch hier 100 Prozent. Das ist ein wichtiger Vorteil für akademische Forschung.

Was ist der Unterschied zwischen ERC und MSCA?

Der ERC fördert exzellente Forschungsprojekte - du bist der Hauptakteur, und deine Idee zählt. Die Auswahl basiert nur auf wissenschaftlicher Exzellenz. Die MSCA fördert dagegen die Mobilität und Karriereentwicklung von Forschenden. Hier geht es nicht nur um das Projekt, sondern um dich als Person: Deine Ausbildung, dein internationaler Aufenthalt, deine Netzwerke. ERC ist für die Forschung, MSCA ist für die Karriere.

Brauche ich einen deutschen Partner, um an Horizon Europe teilzunehmen?

Nein. Du kannst auch als Forschende(r) aus Österreich, der Schweiz, Norwegen oder einem anderen assoziierten Land ohne deutsche Partner:in teilnehmen. Aber: In den meisten Fällen musst du mindestens drei Partner aus drei verschiedenen EU- oder assoziierten Ländern einbinden. Ein deutscher Partner ist also nicht Pflicht - aber oft hilfreich, weil Deutschland stark in der europäischen Forschungslandschaft vertreten ist.

Wo finde ich die aktuellen Ausschreibungen für Horizon Europe?

Die offiziellen Ausschreibungen findest du auf dem Funding & Tenders Portal der Europäischen Kommission. Dort kannst du nach Themen, Instrumenten und Fristen filtern. In Deutschland unterstützt das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) mit einem eigenen Portal, das auch Workshops, Beratung und Musteranträge anbietet. In Österreich gibt es das Austria Research Promotion Agency (FFG) als Ansprechpartner.

Kann ich auch als Doktorand an Horizon Europe teilnehmen?

Ja, aber nicht direkt als Antragsteller:in. Als Doktorand:in kannst du an MSCA Doctoral Networks teilnehmen - das sind strukturierte Promotionsprogramme mit mehreren Universitäten. Du wirst dort als Teil eines Teams ausgebildet, bekommst ein Stipendium und hast Zugang zu internationalen Forschungsinfrastrukturen. Auch ERC-Grants können Doktorand:innen beschäftigen - als Mitarbeiter:innen im Team eines Principal Investigators.

Wie lange dauert es, bis ein Horizon-Europa-Antrag bewilligt wird?

Der Prozess dauert in der Regel 8 bis 12 Monate. Du reichst deinen Antrag ein, die Kommission prüft ihn, es folgt eine Peer-Review-Phase mit externen Expert:innen, dann kommt die Bewertung, und schließlich die Zusage. Die ersten Zahlungen erfolgen meistens 6 Monate nach der Zusage. Plane also frühzeitig - besonders wenn du deine Finanzierung für ein Projekt oder deine Postdoc-Stelle sichern willst.

Horizon Europe ist kein Geschenk. Es ist ein Angebot - und es verlangt Engagement. Aber es gibt dir mehr Freiheit, mehr Ressourcen und mehr Möglichkeiten, als du vielleicht denkst. Du musst nur den ersten Schritt machen: Deine Idee formulieren. Einen Partner finden. Einen Antrag schreiben. Und dann: loslegen.