Was bedeutet Geschlechtergerechtigkeit in der Schule wirklich?
Es geht nicht darum, Mädchen und Jungen gleich zu behandeln. Es geht darum, sie gerecht zu behandeln. Das klingt simpel, ist es aber nicht. In deutschen Klassenzimmern passiert täglich etwas, das viele nicht sehen: Mädchen bekommen bessere Noten, obwohl Jungen oft mehr können. Jungen werden als unruhig abgestempelt, während Mädchen still und fleißig gelobt werden - auch wenn sie nicht mehr lernen. Diese Unterschiede haben Folgen. Sie beeinflussen, wer später Mathe studiert, wer in der Oberstufe abhängt, wer sich als Lehrerin oder Ingenieurin sieht.
Die Notenlüge: Warum Mädchen bessere Zeugnisse bekommen
Prof. Ricarda Steinmayr von der TU Dortmund hat es klar gesagt: Mädchen werden bei der Notenvergabe bevorteilt. Das ist kein Zufall. In fast allen Bundesländern zeigen Kompetenztests, dass Jungen mit Gymnasialempfehlung höhere Leistungen erbringen - aber sie bekommen trotzdem schlechtere Noten. Warum? Weil Lehrkräfte oft nicht nur das wissen bewerten, was auf dem Blatt steht, sondern auch das Verhalten. Still sitzen, pünktlich sein, ordentlich arbeiten - das sind Kriterien, die oft mit weiblichen Verhaltensweisen assoziiert werden. Jungen, die laut diskutieren, schneller antworten oder mal einen Fehler machen, werden härter bewertet. Das ist systematisch. Und es führt dazu, dass viele Jungen, die eigentlich gut wären, auf die Realschule oder Hauptschule wandern, nur weil ihre Noten nicht stimmen.
Was die Tests wirklich sagen: Jungen sind stärker in Mathe - aber nur manche
Studien von Reinhold und Kollegen zeigen: In der Gruppe der starken Mathematiker*innen gehören Jungen häufiger dazu - 15 Prozent im Vergleich zu 11 Prozent der Mädchen. Aber: In der Gruppe der Schwachen gibt es keinen Unterschied. Das heißt: Es geht nicht darum, dass Jungen generell besser sind. Es geht darum, dass sie eher in die Spitze kommen - und Mädchen eher in die Mitte. Und genau da liegt das Problem. Wenn wir nur die Spitze fördern, verlieren wir viele Mädchen, die sonst vielleicht auch in MINT-Fächern durchstarten würden. Wenn wir nur die Schwachen auffangen, verlieren wir Jungen, die sonst zu den Besten gehören könnten. Beide Gruppen brauchen unterschiedliche Unterstützung.
Die falsche Lösung: Einseitige Förderung von Mädchen
In den 2000er Jahren haben viele Schulen angefangen, Mädchen besonders zu fördern - vor allem in Mathe und Naturwissenschaften. Das war gut gemeint. Aber es hat auch neue Probleme geschaffen. Plötzlich hieß es: Jungs brauchen keine Hilfe, die sind stark. Und Mädchen müssen gerettet werden. Das ist ein Stereotyp, das genauso schadet wie das alte. Es führt dazu, dass Jungen, die in Deutsch oder Sozialkunde Schwierigkeiten haben, ignoriert werden. Dass Jungen, die sich emotional schwer tun, als „nicht betroffen“ abgetan werden. Dass Mädchen, die Mathe lieben, plötzlich als „Ausnahme“ gelten, statt als Normalität. Geschlechtergerechtigkeit bedeutet nicht, nur eine Gruppe zu stärken. Es bedeutet, alle zu sehen - und alle entsprechend zu unterstützen.
Was funktioniert: Geschlechtergerechte Schulkultur, nicht nur Maßnahmen
Ein Projekt in Sachsen zwischen 2007 und 2010 hat gezeigt, was wirklich hilft. Elf Schulen haben nicht nur einzelne Workshops angeboten. Sie haben den gesamten Unterricht überdacht. Sie haben monoedukative Phasen eingeführt - also Klassen, die nur aus Jungen oder nur aus Mädchen bestehen - für bestimmte Fächer. Sie haben Lehrkräfte geschult, wie man Diskussionen fair leitet, wie man Aufgaben so formuliert, dass sie alle ansprechen. Sie haben gelernt, nicht zu sagen: „Jungs sind eben unruhig“, sondern: „Was braucht dieser Junge, um sich zu konzentrieren?“ Es war kein Einmaleins. Es war eine Kulturveränderung. Und es hat funktioniert. Lehrkräfte berichteten später: Wir sehen jetzt, wie sich Jungen und Mädchen im Unterricht verhalten - und wir reagieren bewusster.
Die neue Herausforderung: Geschlechterdiverse Schüler*innen
Seit 2019 gibt es in Deutschland den dritten Personenstand: „divers“. Das hat die Schule vor eine neue Aufgabe gestellt. Wie unterrichtet man einen Schüler, der sich weder als Junge noch als Mädchen sieht? Wie spricht man ihn an? Wie verteilt man Gruppen? Wie vermeidet man, dass er sich ausgeschlossen fühlt? Bisher gibt es kaum Forschung dazu. Die Nachwuchsforschungsgruppe „Gender 3.0 in der Schule“ an der Uni Flensburg arbeitet daran. Sie will nicht nur neue Methoden entwickeln, sondern auch Lehrkräfte so qualifizieren, dass sie nicht nur mit „Jungen“ und „Mädchen“ umgehen können, sondern mit einer Vielfalt von Identitäten. Das ist kein Randthema. Das ist die Zukunft der Schule.
Warum Fortbildung nicht reicht - und was wirklich nötig ist
Einmal im Jahr ein Workshop zum Thema „Geschlechterrollen“ bringt nichts. Das haben die Projekte in Sachsen und Nordrhein-Westfalen gezeigt. Wer wirklich etwas verändern will, braucht kontinuierliche Begleitung. Lehrkräfte brauchen Zeit, um zu reflektieren: Warum habe ich diesen Jungen jetzt schlechter bewertet? Warum habe ich diese Aufgabe so formuliert, dass nur Mädchen sie lösen können? Sie brauchen Kolleg*innen, mit denen sie darüber sprechen können. Sie brauchen keine neuen Bücher, sondern einen Raum, in dem sie ihre eigenen Vorurteile erkennen können. Und sie brauchen Schulen, die das als Teil ihrer täglichen Arbeit anerkennen - nicht als Extra-Aufgabe.
Was Eltern und Schüler*innen tun können
Eltern können nicht die ganze Schule verändern. Aber sie können Fragen stellen. Warum hat mein Sohn in Deutsch eine 5, obwohl er so gut liest? Warum hat meine Tochter in Physik eine 3, obwohl sie die Aufgaben immer löst? Warum wird in der Klasse nur von „Jungen“ und „Mädchen“ gesprochen? Diese Fragen bringen Veränderung. Schüler*innen können auch etwas tun: Sie können aufmerksam sein. Wenn jemand ausgeschlossen wird, weil er nicht in die „Jungen“- oder „Mädchen“-Kategorie passt, können sie sagen: „Das ist nicht fair.“ Kleine Handlungen, große Wirkung.
Was bleibt: Keine einfachen Lösungen - aber klare Richtung
Geschlechtergerechtigkeit in der Schule ist kein Ziel, das man erreicht. Es ist ein Prozess. Es gibt keine Checkliste, die man abhakt. Aber es gibt klare Anzeichen dafür, dass etwas falsch läuft: Wenn Jungen sich als „zu dumm“ für Deutsch fühlen. Wenn Mädchen glauben, sie müssten sich „klein machen“, um in Mathe nicht aufzufallen. Wenn ein Kind sich nicht traut, seinen Namen zu sagen, weil er nicht zu „Junge“ oder „Mädchen“ passt. Diese Zeichen müssen wir ernst nehmen. Nicht mit einer neuen Lehrerfortbildung, nicht mit einem neuen Plakat. Sondern mit einem neuen Blick. Einem Blick, der nicht mehr fragt: „Ist das ein Junge oder ein Mädchen?“, sondern: „Was braucht dieser Mensch, um zu lernen?“
6 Kommentare
Seraina Lellis
Ich find’s krass, wie oft wir stillschweigend davon ausgehen, dass 'still sitzen' = 'gut lernen'. Meine Tochter war letztes Jahr in der 7. Klasse und hat jedes Mal eine 2 in Deutsch bekommen, obwohl sie in den Tests immer 1,5 hatte – nur weil sie mal laut diskutiert hat. Lehrer haben gesagt: 'Sie ist eben nicht diszipliniert.' Aber wenn ein Junge das macht, heißt es 'kreativ' oder 'engagiert'. Das ist kein Zufall, das ist System. Und es vermittelt Mädchen: Sei leise, sonst bist du nicht gut genug.
Mischa Decurtins
Die Notenlüge ist ein Mythos. Jungs sind halt unordentlich und faul, das ist biologisch. Wenn ein Mädchen ordentlich arbeitet und pünktlich ist, dann verdient sie die bessere Note. Punkt. Wer das nicht akzeptiert, hat ein Problem mit der Realität. Und nein, ich will nicht hören, dass das 'systematisch' ist – das ist einfach nur fair.
Yanick Iseli
Die von Ihnen beschriebene Kulturveränderung in Sachsen – ein Meilenstein! – ist nicht nur pädagogisch, sondern auch gesellschaftspolitisch essenziell. Die Einführung monoedukativer Phasen, kombiniert mit reflektierter Unterrichtsgestaltung, stellt eine systemische Intervention dar, die über oberflächliche Workshops hinausgeht. Es ist nicht nur um 'Gleichheit' zu gehen, sondern um 'Gerechtigkeit' – und das erfordert strukturelle Veränderung, nicht nur individuelle Anpassung. Die Universität Flensburgs Forschung zu 'Gender 3.0' ist dabei nicht nur relevant, sie ist dringend notwendig.
Stephan Schär
Ja, aber mal ehrlich: Wer hat eigentlich jemals einen Jungen gesehen, der sich 45 Minuten lang ruhig hinsetzt und seine Hausaufgaben ordentlich abschreibt? 😅 Ich hab’ neun Jahre lang Gymnasium durchgestanden – und die Jungs, die in Mathe gut waren, waren die, die sich nicht um 'ordentlich' geschert haben. Die haben einfach gelöst. Und die Mädchen? Die haben perfekt ausgeschrieben – und kriegen trotzdem bessere Noten. Nächstes Mal schreibt man die Aufgabe in 3 Farben und vergibt Punkte für 'ästhetische Präsentation' 🤣
Joel Lauterbach
Die Studien von Steinmayr und Reinhold sind klar: Es geht nicht um Geschlecht, sondern um Verhaltensbewertung. Lehrkräfte bewerten nicht Wissen, sondern Konformität. Das ist das Problem. Lösung: Standardisierte Leistungstests ohne Verhaltenskomponente. Punkt.
Dieter Krell
Ich hab’ letztes Jahr mit meiner Tochter (13) über ihre Mathe-Note geredet. Sie hat ne 3, obwohl sie die Aufgaben immer richtig hat. Warum? Weil sie 'nicht aktiv genug' war. Ich hab’ dann mit der Lehrerin gesprochen – die hat gesagt: 'Sie ist halt ruhig.' Ich hab’ gefragt: 'Und was ist mit Timo? Der redet die ganze Zeit, schreibt aber nur 'x=5' und kriegt ne 2?' Keine Antwort. Das ist doch absurd. Wir reden hier nicht über 'Gleichheit', wir reden über 'Fairness'. Und die fehlt. Punkt.