Was bedeutet partizipative Beteiligung in Österreich wirklich?
Wenn man von Partizipation spricht, denken viele an eine öffentliche Anhörung, wo ein paar Leute in einem Saal sitzen, etwas hören und dann nach Hause gehen. Doch in Österreich hat sich das Bild gewandelt. Partizipation ist heute kein bloßes Informationsangebot mehr - sie ist ein Prozess, bei dem Bürger:innen aktiv mitentscheiden. Es geht nicht darum, was die Behörde schon entschieden hat, sondern darum, was die Menschen gemeinsam entwickeln können. Das passiert nicht nur in Wien oder Salzburg, sondern in ganz Österreich - von Vorarlberg bis zur Burgenländischen Grenze.
Dialog statt Monolog: Wie man Menschen wirklich erreicht
Ein wichtiger Unterschied zwischen alten und neuen Beteiligungsformaten ist der Ort. Früher wurde eingeladen - in Rathäuser, in Veranstaltungsräume, oft nach Feierabend. Heute geht man zu den Menschen. In Pensionistenklubs in Graz, an Supermarkt-Kassen in Linz, in Jugendzentren in Innsbruck. Die Wiener Stadtplanung hat das schon vor Jahren erkannt: Wer nicht ins Rathaus kommt, wird nicht gehört. Also geht man dorthin, wo die Leute sind. Diese aufsuchende Kommunikation ist kein Bonus, sondern eine Notwendigkeit. Denn wer arm ist, kein Deutsch spricht, oder sich nicht traut, in einem großen Raum zu sprechen, bleibt sonst außen vor.
Die Ergebnisse dieser Formate sind konkret: In einem Projekt zur Verbesserung der Nahversorgung in einem Wiener Bezirk wurden über 300 Gespräche in Cafés und an Marktplätzen geführt. Die Ergebnisse flossen direkt in die Planung von neuen Lebensmittelgeschäften ein. Keine theoretischen Ideen - echte Bedürfnisse, die umgesetzt wurden.
Bürger:innenräte - das Geheimnis der repräsentativen Demokratie
Ein Format, das in Österreich besonders erfolgreich ist, ist der Bürger:innenrat. Kein Wahlvolk, kein Lobbyist, kein Politiker - sondern zufällig ausgewählte Menschen, die so aussehen wie die Gesamtbevölkerung. Alter, Geschlecht, Bildung, Herkunft, Einkommen - all das wird berücksichtigt, damit niemand übergangen wird. Diese Gruppen treffen sich über mehrere Wochen, lernen von Expert:innen, diskutieren, fragen nach, verändern ihre Meinung - und am Ende geben sie Empfehlungen ab, die die Politik ernst nehmen muss.
Der österreichische Klimarat, der 2021 eingerichtet wurde, ist das beste Beispiel. 150 zufällig ausgewählte Menschen aus ganz Österreich haben sechs Monate lang über Klimaschutz nachgedacht. Sie haben sich mit Energiepolitik, Mobilität, Landwirtschaft und Industrie auseinandergesetzt. Am Ende haben sie 60 konkrete Vorschläge vorgelegt - von der Förderung von Fahrradwegen bis zur Reform der CO2-Bepreisung. Die Bundesregierung hat diese Empfehlungen nicht ignoriert. Sie wurden in den Klimaschutzplan 2030 übernommen.
Ähnlich erfolgreich war der Bürger:innenrat in Vorarlberg. Seit 2008 wurden dort 15 Räte durchgeführt - zu Themen wie Bildung, Pflege oder Digitalisierung. Die Ergebnisse waren so überzeugend, dass sie in Gesetze umgesetzt wurden. Kein Wunder, dass Österreich heute als Vorreiter in Europa gilt.
Warum Barcamps und Labs in Österreich nicht so verbreitet sind
In anderen Ländern gibt es Barcamps - offene Konferenzen, bei denen jeder mitmachen kann, die Agenda selbst bestimmt und Ideen spontan entstehen. Oder sogenannte Labs, in denen Bürger:innen mit Wissenschaftler:innen und Stadtplaner:innen gemeinsam neue Lösungen ausprobieren. In Österreich? Fast keine Spur davon.
Warum? Weil es hier nicht um Experimente geht, sondern um verbindliche Ergebnisse. Die österreichische Verwaltung will klare, nachvollziehbare und rechtssichere Entscheidungen. Barcamps sind kreativ, aber unvorhersehbar. Labs sind spannend, aber schwer zu integrieren in bestehende Gesetze. Stattdessen setzt Österreich auf strukturierte Formate: Bürger:innenräte, Dialogveranstaltungen, Beteiligungsplattformen. Diese haben klare Regeln, dokumentierte Ergebnisse und einen festen Platz im Entscheidungsprozess.
Das heißt nicht, dass Innovationen fehlen. Aber sie werden anders umgesetzt. Ein Workshop mit Jugendlichen, der eine neue Bushaltestelle entwirft, ist kein Lab - aber er ist ein partizipatives Format, das funktioniert. Die Kraft liegt nicht im Namen, sondern in der Wirkung.
Wie digitale Tools die Beteiligung verändern
Digitalisierung ist kein Ersatz für persönliche Gespräche - aber ein starkes Werkzeug. In Wien gibt es jetzt digitale Beteiligungsplattformen, wo man zu Stadtentwicklungsplänen Kommentare abgeben kann. In Graz wurde eine App eingeführt, mit der Bürger:innen Baustellenfotos hochladen und Mängel melden können. In Vorarlberg können Teilnehmer:innen eines Bürger:innenrats ihre Diskussionen online verfolgen und sogar per Video teilnehmen, wenn sie krank sind.
Der Schlüssel ist die Hybride Form: analoge Treffen, die durch digitale Tools ergänzt werden. So erreicht man nicht nur die, die gerne in Räume kommen, sondern auch die, die lieber von zu Hause aus mitmachen. Wichtig ist: Die digitale Plattform muss einfach sein. Keine komplizierten Anmeldungen, keine Fachsprache, keine technischen Hürden. Wer nicht mit der Technik umgehen kann, darf nicht ausgeschlossen werden.
Was funktioniert - und was nicht
Ein häufiger Fehler ist, Beteiligung als kosmetischen Akt zu sehen. Ein Flyer, eine Infoveranstaltung, ein paar Unterschriften - und dann wird weitergemacht wie vorher. Das führt zu Misstrauen. Menschen merken, wenn sie nur abgespeist werden.
Was wirklich funktioniert: Wenn die Ergebnisse der Beteiligung in konkrete Entscheidungen münden. Wenn Bürger:innen sehen, dass ihre Ideen nicht im Papierkorb landen, sondern in Gesetze, Pläne oder Gelder fließen. Wenn sie auch nach der Veranstaltung noch etwas hören: „Ihr Vorschlag wurde übernommen - hier ist, wie wir es umgesetzt haben.“
Das ist der Unterschied zwischen Scheinbeteiligung und echter Mitbestimmung. In Österreich wird immer mehr auf echte Mitbestimmung gesetzt - und das macht den Unterschied.
Was kommt als Nächstes?
Die Zukunft der Beteiligung in Österreich liegt in der Professionalisierung. Mehr Moderatoren, die wissen, wie man unterschiedliche Stimmen zusammenführt. Mehr Daten, die zeigen, wer teilnimmt und wer nicht - und warum. Mehr Transparenz, damit jeder sehen kann, wie ein Projekt von der Idee bis zur Umsetzung durch die Bürger:innen geprägt wurde.
Ein großer Schritt war der Klimarat. Der nächste könnte sein, Bürger:innenräte für Bildung, Gesundheit oder Wohnen einzurichten - auf Landes- oder sogar Gemeindeebene. Und vielleicht wird eines Tages auch ein „Bürger:innen-Lab“ entstehen - aber nicht als Trend, sondern als struktureller Bestandteil der Demokratie.
Was ist der Unterschied zwischen konsultativer und mitbestimmender Beteiligung?
Bei konsultativer Beteiligung werden Meinungen gesammelt, aber die Behörde muss sie nicht umsetzen. Es ist ein Feedback-Loop, kein Entscheidungsprozess. Bei mitbestimmender Beteiligung hingegen haben die Bürger:innen einen echten Einfluss - sie entwickeln Lösungen gemeinsam mit der Verwaltung, und diese werden umgesetzt. Ein Bürger:innenrat ist ein Beispiel für Mitbestimmung, eine öffentliche Anhörung meist nur für Konsultation.
Warum werden in Österreich keine Barcamps als offizielles Beteiligungsformat genutzt?
Barcamps sind spontan, offen und unstrukturiert - das passt nicht zum österreichischen Verwaltungssystem, das auf Rechtssicherheit, Dokumentation und verbindliche Ergebnisse setzt. Barcamps eignen sich gut für Innovationen in der Wirtschaft oder im Kulturbereich, aber nicht für politische Entscheidungen, die gesetzlich verankert sein müssen. Österreich setzt stattdessen auf klare, strukturierte Formate wie Bürger:innenräte, die Ergebnisse liefern, die in Gesetze oder Pläne umgesetzt werden können.
Wie wird sichergestellt, dass der Bürger:innenrat repräsentativ ist?
Die Teilnehmenden werden zufällig aus dem zentralen Melderegister gelost. Danach wird die Gruppe so zusammengestellt, dass sie die Gesamtbevölkerung abbildet: Alter, Geschlecht, Bildungsgrad, Einkommen, Wohnort und Geburtsland werden berücksichtigt. Wer nicht teilnehmen kann, wird durch einen Ersatz ersetzt, der dieselben Merkmale hat. So wird verhindert, dass nur aktive, gut gebildete oder wohlhabende Menschen vertreten sind.
Welche Rolle spielen Multiplikator:innen in der partizipativen Kommunikation?
Multiplikator:innen - wie Sozialarbeiter:innen, Vereinsmitglieder oder Gemeindevertreter:innen - vermitteln zwischen Verwaltung und schwer erreichbaren Gruppen. Sie erklären Beteiligungsformate in der Erstsprache, begleiten Menschen zu Veranstaltungen und sorgen dafür, dass auch jene teilnehmen, die sonst nicht ins Rathaus gehen. Ohne sie würden viele Menschen, besonders aus Migranten- oder sozial benachteiligten Gruppen, von Beteiligungsprozessen ausgeschlossen bleiben.
Ist digitale Beteiligung wirklich so effektiv wie persönliche Gespräche?
Nein - aber sie ergänzt sie. Digitale Plattformen erreichen mehr Menschen, besonders jüngere oder berufstätige, die keine Zeit für Abendveranstaltungen haben. Aber sie ersetzen nicht das Gespräch. Wer sich nicht traut, in einer Gruppe zu sprechen, kann online anonym kommentieren. Wer keine Internetverbindung hat, kann per Post oder Telefon mitmachen. Der Erfolg liegt in der Kombination: digitale Zugänge für Reichweite, analoge Treffen für Tiefe und Vertrauen.
9 Kommentare
Maximilian Erdmann
Endlich mal jemand der nicht nur von "Beteiligung" labert, sondern wirklich was macht 😍 Ich hab in meiner Stadt nen Bürger:innenrat gefordert und die haben mich ausgelacht. Jetzt seh ich, dass das in Österreich funktioniert. Warum nicht bei uns?
Rolf Jahn
Ach komm, wieder so ein "Österreich ist super"-Geschwafel. Die machen das nur, weil sie keine Lust haben, echte Entscheidungen zu treffen. Bürger:innenräte sind nur ein schönes Ablenkungsmanöver. Irgendwann wird der Klimarat auch noch entscheiden, wie ich meine Dusche laufen lasse.
Helga Goldschmidt
Ich find’s gut, dass sie auch Leute erreichen, die sonst nicht reden. Meine Oma hat nie was zu einem Thema gesagt, aber als sie in einem Café gefragt wurde, hat sie 20 Minuten geredet. Hat sich was geändert? Nicht viel. Aber wenigstens hat sie sich gehört gefühlt.
Kristian Risteski
Cool, dass sie die Repräsentativität so genau machen. Bei uns in Norwegen wählt man immer die gleichen Leute – die, die immer kommen. Hier klingt’s wie eine echte Demokratie. Aber… wie viele von denen haben wirklich Ahnung von Klimapolitik? Oder ist das nur ein großes Gruppengefühl?
Arno Raath
Also ich find’s wunderschön, wie Österreich plötzlich zur Demokratie-Weltmeisterin wird. 🤡 Zuerst haben sie 10 Jahre lang alles ignoriert, dann haben sie ein paar Meetings organisiert und plötzlich ist das "innovativ"? Ich hab doch gesehen, wie die Leute in Wien in den Cafés sitzen und nur Kaffee trinken, während der Stadtrat schon alles entschieden hat. Das ist kein Dialog, das ist Theater mit Keksen.
Koray Döver
Ich hab letztes Jahr an so ner digitalen Plattform mitgemacht, weil ich dachte, ich könnte was ändern. Hab 3 Vorschläge gemacht. Zwei davon waren genau die, die die Stadt schon vorher geplant hatte. Der dritte? Wurde gelöscht, weil er "nicht im Rahmen der Machbarkeit" lag. Was soll das? Wenn ich nur bestätigt werden will, warum fragt ihr dann überhaupt? Und warum ist die App so langsam, dass ich sie auf meinem alten Handy nicht öffnen kann? 😤
Thomas Lüdtke
Digitalisierung? Ja klar. Aber wer hat denn Zeit, sich da einzuloggen? Ich arbeite 60 Stunden die Woche und hab 2 Kinder. Wenn ich nicht mal mehr zum Bäcker komme, wie soll ich dann an einer Online-Plattform teilnehmen? Die machen das für die Leute, die schon was haben. Nicht für uns.
Francine Ott
Die strukturierte Herangehensweise ist wirklich bemerkenswert. Die Repräsentativität durch Zufallsauswahl aus dem Melderegister ist ein Meilenstein in der partizipativen Demokratie. Es ist entscheidend, dass nicht nur die aktivsten oder lautesten Stimmen gehört werden, sondern dass die gesamte soziale Struktur abgebildet wird. Die Kombination aus analogen Treffen und digitalen Ergänzungen ermöglicht eine echte Inklusion. Die Dokumentation der Ergebnisse und die Rückmeldung an die Teilnehmenden sind essenziell, um Vertrauen aufzubauen. Ohne diese Transparenz bleibt Beteiligung lediglich ein Symbol. Österreich zeigt hier, wie Demokratie im 21. Jahrhundert funktionieren kann – nicht als Theater, sondern als Prozess mit Verantwortung.
Nadja Blümel
Hm. Ich find’s ok. Aber ich hab das Gefühl, dass die meisten Leute das nur machen, weil sie was zu tun haben. Ich nicht.