Im Jahr 2025 hat Österreich einen neuen Höchststand beim Vertrauen in die Wissenschaft erreicht. 74 Prozent der Bevölkerung vertrauen der Wissenschaft "stark" oder "sehr stark". Das ist der höchste Wert seit Beginn der jährlichen Erhebungen im Jahr 2022. Damit liegt Österreich klar vor Deutschland (55 %) und der Schweiz. Es ist kein Zufall, dass dieses Vertrauen gerade jetzt auf seinem Höhepunkt ist. Nach den anstrengenden Jahren der Pandemie, in denen Forschung oft missverstanden oder instrumentalisiert wurde, hat sich die Österreicher:innen wieder an ihre Wissenschaftler:innen angelehnt.
Was genau misst das Wissenschaftsbarometer?
Das Wissenschaftsbarometer Österreich ist keine bloße Umfrage. Es ist ein jährlich wiederkehrender, repräsentativer Blick in die Seele der Gesellschaft. Auftraggeber ist die Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW), durchgeführt wird es vom Institut Gallup. Die Erhebung fragt nicht nur, ob Menschen der Wissenschaft vertrauen - sie will wissen, warum sie es tun oder nicht. Die Daten stammen von mehr als 1.000 Befragten, die nach Alter, Geschlecht, Bildung und Region sorgfältig ausgewählt wurden. So entsteht ein Bild, das wirklich die Stimmung in ganz Österreich abbildet.
Im Jahr 2025 wurde erstmals auch die Forschungsfreiheit thematisiert. Der Hintergrund? Immer mehr Wissenschaftler:innen aus den USA, die unter politischem Druck stehen, nach Österreich wechseln. Diese Entwicklung hat die ÖAW dazu veranlasst, nachzufragen: Wie steht es um den Schutz der Wissenschaft in Österreich? Die Antwort war klar: Die Mehrheit der Österreicher:innen hält Forschungsfreiheit für essentiell.
Vertrauen in Institutionen: Universitäten vor der Polizei
Was ist das Besondere an Österreich? Das Vertrauen in Forschungseinrichtungen ist so hoch wie nie. Universitäten führen die Liste mit 88 Prozent an. Die Österreichische Akademie der Wissenschaften kommt auf 84 Prozent. Das ist mehr als bei der Volksanwaltschaft, dem Bundesheer oder der Polizei. Diese Zahlen sind kein Zufall. Sie zeigen: Die Menschen sehen Forschung nicht als abgehobene Elfenbeinturm-aktivität, sondern als Teil ihres Alltags. Wer krank ist, vertraut der Medizin. Wer eine neue Technologie nutzt, vertraut der Ingenieurswissenschaft. Wer sich für Klimaerwärmung sorgt, vertraut den Klimaforscher:innen.
Im Vergleich dazu: Nur 39 Prozent der Befragten vertrauen der Regierung. Die Kirche liegt mit 36 Prozent noch darunter. Das ist ein deutliches Signal: Die Gesellschaft vertraut mehr auf Fakten als auf Macht. Und das ist neu. In den 90er Jahren war das noch anders. Damals galt der Staat als verlässlicher. Heute ist es die Wissenschaft.
Welche Wissenschaften vertrauen die Österreicher:innen am meisten?
Nicht alle Bereiche der Wissenschaft genießen das gleiche Vertrauen. Medizin, Pharmazie und Naturwissenschaften liegen mit über 70 Prozent an der Spitze. Hier ist das Vertrauen fast uneingeschränkt. Warum? Weil die Ergebnisse direkt sichtbar sind: Impfstoffe, Medikamente, Diagnoseverfahren. Das ist Wissenschaft, die Leben rettet - und das wissen die Menschen.
Sozial-, Rechts- und Wirtschaftswissenschaften kommen auf 62 Prozent. Das ist noch gut, aber deutlich weniger. Warum? Weil hier oft Meinung mit Fakt vermischt wird. Wenn ein Ökonom sagt, die Inflation werde sinken, und ein anderer sagt, sie werde steigen, wirkt das für viele wie Streit. Und Streit macht misstrauisch. Besonders betroffen sind Klimaforschung und Informatik. Klimaforschung liegt bei 60 Prozent, Informatik und KI bei nur 54 Prozent. Und hier ist der Schock: 16 Prozent der Österreicher:innen vertrauen KI "nicht" oder "überhaupt nicht". Das ist mehr als in Deutschland. Warum? Weil KI oft als Bedrohung wahrgenommen wird - als etwas, das Arbeitsplätze wegnimmt, Entscheidungen automatisiert und unverständlich bleibt.
ÖAW-Präsident Heinz Faßmann sagt dazu: "Wirtschaftswissenschaften und Klimaforschung sind die Bereiche, die am stärksten in den politischen Diskurs eingreifen. Und dort, wo Politik und Wissenschaft sich berühren, entstehen Zweifel." Es ist nicht die Wissenschaft, die unvertrauenswürdig ist. Es ist die Verknüpfung mit Politik, die das Vertrauen erschüttert.
Weniger Informationsdefizite als in Deutschland
Ein weiteres überraschendes Ergebnis: In Österreich fühlen sich 28 Prozent der Menschen schlecht über Wissenschaft informiert. Klingt viel? Aber in Deutschland sind es nur 17 Prozent. Das ist paradox. Wenn die Österreicher:innen so viel mehr vertrauen, warum fühlen sie sich dann weniger informiert? Die Antwort liegt in der Art der Kommunikation. In Deutschland wird Wissenschaft oft als Fertigprodukt präsentiert: "Studie zeigt: X ist richtig." In Österreich hingegen wird mehr Raum für Fragen gelassen. Menschen hören mehr, aber sie fühlen sich nicht immer verstanden. Das ist kein Mangel - das ist ein Anreiz. Es zeigt: Die Österreicher:innen wollen mehr. Sie wollen tiefer gehen. Sie wollen verstehen, wie Forschung funktioniert, nicht nur was sie sagt.
Interesse an Forschung: Österreichs Stärke
Während in Deutschland nur 49 Prozent ein hohes Interesse an Forschung haben, sind es in Österreich 58 Prozent. In der Schweiz sind es 45 Prozent. Das ist ein klares Zeichen: Die Österreicher:innen sind neugierig. Sie lesen über neue Entdeckungen, diskutieren über KI, fragen ihre Kinder nach dem Physikunterricht. Sie sehen Forschung nicht als Luxus, sondern als Teil der Zukunft. Besonders junge Menschen unter 30 Jahren vertrauen Fakten mehr als Verschwörungstheorien. Sie nutzen wissenschaftliche Quellen, um sich zu informieren - und sie erwarten das von ihren Politiker:innen.
Was bleibt zu tun?
Wissenschaftsministerin Eva-Maria Holzleitner sagt es klar: "Vertrauen ist kein Selbstläufer." Das ist wahr. Jedes Jahr, das wir nicht kommunizieren, verliert die Wissenschaft Boden. Die ÖAW hat es richtig erkannt: Es geht nicht darum, Wissenschaft zu verkaufen. Es geht darum, sie zu teilen. In verständlicher, attraktiver, zeitgemäßer Form. Das heißt: Nicht nur Pressemitteilungen schreiben. Sondern Podcasts machen. Kurzfilme drehen. Workshops an Schulen anbieten. Forscher:innen in Lokalradios einladen. Und vor allem: Politische Entscheidungen erklären. Wenn eine Regierung einen neuen Forschungsfonds auflegt, dann muss sie sagen: Warum? Wofür? Wer profitiert? Wer entscheidet? Wer überprüft?
Die gute Nachricht: Österreich ist auf einem guten Weg. Das Vertrauen steigt seit vier Jahren konstant. Keine großen Sprünge, aber auch keine Einbrüche. Ein klarer Trend. Und das ist das Wichtigste. Vertrauen wächst nicht durch Propaganda. Es wächst durch Konsistenz. Durch Transparenz. Durch Respekt. Die Österreicher:innen haben entschieden: Sie wollen Wissenschaft - nicht als Feind, nicht als Zauberer, sondern als Partner.
Was kommt als Nächstes?
2026 wird das Wissenschaftsbarometer erstmals auch die Haltung zu internationaler Forschungszusammenarbeit messen. Wie steht Österreich zu europäischen Projekten wie Horizon Europe? Wie vertraut man Forschung in der Ukraine oder in den Balkanländern? Diese Fragen werden spannend. Denn Österreich ist kein Inselstaat. Es ist Teil eines Netzwerks. Und dieses Netzwerk funktioniert nur, wenn das Vertrauen grenzüberschreitend bleibt.
Was ist das Wissenschaftsbarometer Österreich?
Das Wissenschaftsbarometer Österreich ist eine jährlich durchgeführte, repräsentative Umfrage, die von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) in Auftrag gegeben und vom Institut Gallup durchgeführt wird. Sie misst das Vertrauen der österreichischen Bevölkerung in Wissenschaft, Forschung und Forschungseinrichtungen. Die Erhebung startete 2022, um nach der Pandemie ein Stimmungsbild zu erfassen und Trends langfristig zu verfolgen.
Warum ist das Vertrauen in die Wissenschaft in Österreich höher als in Deutschland?
In Österreich ist das Vertrauen in die Wissenschaft mit 74 Prozent deutlich höher als in Deutschland (55 Prozent). Ein Grund liegt in der stärkeren Verankerung der Forschung im öffentlichen Leben. Österreich investiert konsequent in Forschungseinrichtungen, die transparent arbeiten und eng mit der Bevölkerung kommunizieren. Zudem wurden die Krisen der Pandemie hier weniger politisiert. Die Wissenschaft wurde nicht als politisches Werkzeug missbraucht, sondern als verlässliche Quelle wahrgenommen.
Welche Wissenschaftsdisziplinen genießen das höchste Vertrauen in Österreich?
Medizin, Pharmazie und Naturwissenschaften führen mit über 70 Prozent das Vertrauensranking an. Diese Bereiche sind direkt spürbar - sie beeinflussen Gesundheit und Alltag. Universitäten und die Österreichische Akademie der Wissenschaften erreichen jeweils über 80 Prozent. Klimaforschung liegt bei 60 Prozent, Informatik und KI bei 54 Prozent. Hier herrscht Skepsis, weil die Technologien oft als ungreifbar oder bedrohlich wahrgenommen werden.
Warum vertrauen Österreicher:innen Universitäten mehr als der Regierung?
Universitäten und Forschungseinrichtungen werden als unabhängig, objektiv und faktenbasiert wahrgenommen. Die Regierung dagegen wird oft als politisch motiviert und parteiisch gesehen. 88 Prozent vertrauen Universitäten, nur 39 Prozent der Regierung. Dieser Unterschied zeigt: Die Menschen unterscheiden zwischen Wissen und Macht. Sie vertrauen dem, was nachweislich funktioniert - nicht dem, was gerade im Gespräch ist.
Wie kann das Vertrauen in die Wissenschaft erhalten werden?
Durch offene Kommunikation. Forschende müssen ihre Ergebnisse in Alltagssprache erklären, nicht nur in Fachjargon. Sie müssen in Schulen, Radio und sozialen Medien präsent sein. Politiker:innen müssen erklären, wie wissenschaftliche Erkenntnisse in Gesetze einfließen. Und die Gesellschaft muss Raum für Fragen geben - nicht nur für Antworten. Vertrauen entsteht nicht durch Werbung, sondern durch Konsistenz, Transparenz und Respekt.