Die Matura ist kein gewöhnlicher Abschluss. Sie ist der Moment, in dem Jahre von Lernen, Erwartungen und innerem Druck auf einen Punkt zulaufen. Für viele Schüler:innen in Österreich ist sie nicht nur eine Prüfung - sie fühlt sich an wie eine Entscheidung über das ganze Leben. Und der Druck? Der beginnt oft schon zwei Jahre vorher. Nicht weil die Prüfungen so schwer sind, sondern weil jeder Fehler wie ein Abgrund wirkt. Wer hier versagt, hat sein ganzes Leben versaut - so denken viele. Doch das ist eine Lüge. Eine gefährliche, verbreitete Lüge. Und sie kostet Schlaf, Gesundheit und manchmal sogar Hoffnung.
Warum die Matura so viel Druck ausübt
Die Matura ist in Österreich anders als in vielen anderen Ländern. Sie ist der einzige Türöffner zum Studium. Keine Portfolios, keine Empfehlungen, kein alternativer Weg. Wenn du nicht bestehst, musst du wiederholen. Und das ist kein kleiner Rückschlag - das ist ein sozialer Stigma. In der Schule wird dir von Anfang an eingetrichtert: Dein Abschluss entscheidet über deine Zukunft. Kein Wunder, dass 78,6 % der Schüler:innen schon ein bis zwei Jahre vor der Prüfung unter Druck stehen. Und das nicht nur von den Lehrkräften. Viele Eltern, ohne es zu wollen, vermitteln: Dein Wert hängt an deinen Noten. Soziale Medien verschärfen das noch. Du scrollst durch Instagram und siehst, wie jemand anderes mit 1,0 abschließt, während du dich mit einer 3,5 quälst. Du denkst: Ich bin nicht gut genug. Aber du siehst nicht, dass dieser Mensch auch schlaflose Nächte hatte, Panikattacken in der Toilette oder dass er nach der Matura in die Therapie ging. Der Vergleich ist eine Falle. Und er ist systematisch gefördert.Was passiert im Kopf, wenn der Druck wächst?
Wenn du unter Maturadruck stehst, läuft dein Gehirn auf Alarm. Cortisol - das Stresshormon - steigt. Dein Herz rast, wenn du nur an die Prüfung denkst. Du kannst nicht mehr schlafen. Konzentration? Fehlanzeige. Du liest denselben Satz fünf Mal, aber er bleibt wie Nebel. Das ist keine Faulheit. Das ist deine Neurobiologie. Eine Studie der Österreichischen Gesellschaft für Psychologie (2023) zeigt: 64,2 % der Maturant:innen haben klare Angstsymptome - Herzrasen, Schlafstörungen, Konzentrationseinbußen. 41,8 % haben erhöhte Cortisolwerte während der Prüfungsphase. Das ist kein normaler Stress. Das ist chronischer Stress. Und das ist gefährlich. Noch besorgniserregender: 30 % der neu eingeschriebenen Studierenden an der TU Wien zeigen im WHO-Well-being-Index Anzeichen für stark reduziertes Wohlbefinden. 18 % liegen im Bereich, der auf Depression hindeutet. Und das ist nicht zufällig. Die Universität Wien hat 2024 nachgewiesen: Diese Zahlen hängen direkt mit der Maturavorbereitung zusammen. Der Druck macht krank - und das lange vor der Prüfung.Die drei größten Denkfallen, die dich breitmachen
Es ist nicht der Stoff, der dich umbringt. Es ist dein Kopf. Denkfehler 1: Alles-oder-Nichts - Du glaubst, wenn du in einem Fach durchfällst, ist alles vorbei. Falsch. Die Matura besteht aus mehreren Fächern. Du kannst ein Fach wiederholen. Es ist kein Weltuntergang. 63,8 % der Schüler:innen glauben aber genau das - laut Prof. Dr. Markus Hofmann von der Universität Salzburg. Denkfehler 2: Überbewertung der Konsequenzen - Du denkst: Wenn ich nicht auf die Uni komme, werde ich ein Versager. Aber wer sagt das? Deine Eltern? Deine Klasse? Dein Instagram-Feed? Die Realität: Viele Menschen, die ihre Matura nicht mit 1,0 geschafft haben, haben später erfolgreich studiert, Karriere gemacht, Kinder bekommen, ein gutes Leben geführt. Die Matura ist ein Schritt - kein Endpunkt. Denkfehler 3: Perfektionismus als Tugend - Du glaubst, du musst alles perfekt können. Dass du nur dann wertvoll bist, wenn du keine Fehler machst. Aber Lernen bedeutet, Fehler zu machen. Jeder, der etwas Gutes erreicht hat, hat zig Mal versagt - und ist wieder aufgestanden. Perfektion ist kein Ziel. Fortschritt ist es.
Was wirklich hilft: Praktische mentale Strategien
Es gibt keine Wundermittel. Aber es gibt Strategien, die funktionieren - und zwar für Tausende. 1. Atemübungen - 5 Minuten pro Tag Wenn du merkst, wie dein Herz schneller schlägt, wenn du an die Prüfung denkst - atme. Nicht tief. Nicht schnell. Langsam. 4 Sekunden einatmen. 6 Sekunden ausatmen. Wiederholen. 5 Minuten. Das ist nicht Meditation. Das ist Notfall-Reset für dein Nervensystem. Eine Umfrage auf schülerfrage.net zeigte: 54,7 % der Schüler:innen sagten, dass genau diese Atemtechnik ihre Panikattacken am besten reduziert hat. Und das, ohne Medikamente. Ohne teure Kurse. Nur mit deinem eigenen Atem. 2. Pomodoro-Methode - Lernen ohne Burnout 25 Minuten lernen. 5 Minuten Pause. Danach wieder 25 Minuten. Nach vier Runden eine längere Pause. Das ist nicht nur eine Zeitmanagement-Technik. Das ist eine mentale Schutzmauer. Dein Gehirn braucht Pausen. Sonst bricht es zusammen. Eine Evaluation der Schulpsychologischen Dienststelle Wien (2023) zeigte: Schüler:innen, die die Pomodoro-Methode nutzten, steigerten ihre Lerneffizienz um 41,7 %. Das bedeutet: Du lernst mehr - mit weniger Stress. 3. Progressive Muskelentspannung - Dein Körper sagt Danke Spanne deine Zehen 5 Sekunden lang an. Dann löse. Spanne deine Wade an. Löse. Oberschenkel. Bauch. Hände. Arme. Schultern. Nacken. Gesicht. Jeder Muskel einzeln. Das ist keine Wellness-Übung. Das ist eine Waffe gegen Angst. Denn Angst sitzt im Körper. Und wenn du deinen Körper beruhigst, beruhigst du auch deinen Geist. 63,2 % der Teilnehmer:innen im "Matura mental stark"-Programm berichteten nach 4 Wochen deutlich weniger Prüfungsangst.Warum Schulen nicht mehr tun - und was du tun kannst
Du erwartest, dass deine Schule dich unterstützt? Verständlich. Aber die Realität: Viele Schulpsycholog:innen sind für drei, vier Schulen zuständig. Sie haben keine Zeit für jeden. Lehrer:innen sind überlastet. Das ist kein Vorwurf an sie - das ist ein Systemversagen. Dr. Lena Wagner von der Zeitschrift "Bildungsforschung" sagt es klar: "Die Zunahme von psychischen Belastungen ist kein individuelles Versagen - es ist ein Systemversagen." Aber du bist nicht hilflos. Nutze die Ressourcen, die da sind. Die Plattform "Matura Trainer" der PH Wien hat eine 4,6/5-Bewertung bei über 2.800 Nutzer:innen. Sie bietet gezielte Übungen gegen Prüfungsangst - kostenlos. Die TU Wien bietet Workshops wie "Wege aus der Prüfungsangst" an. Und seit 2023 gibt es das Bundesprogramm "Mental gesund durch die Matura" mit 4,8 Millionen Euro Budget - für digitale Tools, Beratung, Schulungen. Du musst nicht warten, bis die Schule handelt. Du kannst jetzt anfangen. Fünf Minuten Atem. Eine Pomodoro-Runde. Eine Muskelentspannung. Das ist dein kleiner Akt der Selbstfürsorge. Und es zählt.
Die Zukunft: Ein System, das nicht mehr nur Leistung misst
Es gibt Hoffnung. Seit September 2023 wird an allen AHS-Oberstufen das Modul "Mental stark durch die Matura" eingeführt. Schüler:innen lernen dort, dass ihr Wert nicht von Noten abhängt. In einer Pilotstudie reduzierte das den Stress um 29,3 %. Das ist ein Anfang. Die Universität Graz prognostiziert, dass bis 2026 der Anteil der Maturant:innen mit depressiven Symptomen um 22,5 % sinken könnte - wenn alle Maßnahmen umgesetzt werden. Aber der größte Wandel findet nicht in den Ministerien statt. Er findet in deinem Kopf. Wenn du aufhörst, dich mit anderen zu vergleichen. Wenn du akzeptierst, dass ein Fehler kein Ende ist. Wenn du lernst, dich selbst zu trösten, statt dich zu verurteilen - dann verändert sich nicht nur deine Matura. Du veränderst dich.Was du heute tun kannst
- Heute Abend: Mach 5 Minuten Atemübungen. Setz dich hin. Schließe die Augen. Atme langsam ein - 4 Sekunden. Aus - 6 Sekunden. Wiederhole 10 Mal. - Morgen: Plane deine Lernzeit mit Pomodoro. 25 Minuten Lernen. 5 Minuten Pause. Nicht mehr. Nicht weniger. - Wochenende: Schau dir die kostenlose App "Matura Trainer" an. Probiere eine Übung gegen Prüfungsangst aus. - Und wenn du dich am Rande des Zusammenbruchs fühlst: Geh zur Schulpsychologischen Beratungsstelle. Sag: "Ich brauche Hilfe. Ich schaffe das nicht allein." Das ist kein Zeichen von Schwäche. Das ist der stärkste Schritt, den du machen kannst.Das ist deine Matura. Nicht ihre Erwartungen. Nicht dein Instagram-Feed. Nicht dein Elternhaus.
Du bist mehr als eine Note. Du bist mehr als ein Abschluss. Du bist ein Mensch - mit Ängsten, mit Zweifeln, mit Kraft. Und du hast das Recht, dich zu schützen. Nicht nach der Matura. Jetzt.Kann ich ein Maturafach wiederholen, wenn ich durchfalle?
Ja, du kannst einzelne Maturafächer wiederholen, ohne die gesamte Prüfung neu ablegen zu müssen. Das ist in Österreich standardisiert und Teil der Prüfungsordnung. Viele Schüler:innen, die in einem Fach nicht bestehen, schaffen es im Wiederholungsversuch - oft mit besserem Ergebnis, weil sie weniger Druck verspüren. Ein durchgefallenes Fach ist kein Lebensende, sondern ein temporärer Rückschlag.
Warum fühlen sich Mädchen oft stärker unter Druck als Burschen?
Laut Pro Juventute (2022) erleben 39,7 % der Mädchen im Maturajahr signifikanten Stress - gegenüber 26,4 % der Burschen. Gründe sind vielfältig: Höhere Selbstansprüche, stärkere soziale Vergleichsneigung, und oft auch höhere Erwartungen von außen. Mädchen werden häufiger dazu ermutigt, perfekt zu sein, während Jungen oft mehr Raum für "Versuchen" bekommen. Das hat nichts mit Stärke zu tun - sondern mit gesellschaftlichen Rollen, die sich langsam ändern, aber noch nicht verschwunden sind.
Sind Achtsamkeitsübungen wirklich wirksam gegen Prüfungsangst?
Ja, und zwar wissenschaftlich belegt. Eine Studie der Österreichischen Ärztekammer (2023) mit 1.245 Schüler:innen zeigte, dass Achtsamkeitsübungen im Unterricht die Prüfungsangst um 34,2 % senken. Auch die Nutzer:innen der App "Matura Trainer" berichten, dass 5-Minuten-Atemübungen vor dem Lernen ihre Konzentration verdoppelt und Panikattacken reduziert haben. Es ist kein Zauber, sondern eine klare Wirkung: Dein Nervensystem lernt, sich zu beruhigen - statt in Alarmbereitschaft zu verharren.
Wie viel Lernen ist zu viel?
Es gibt keine feste Zahl - aber es gibt ein Zeichen: Wenn du dich müde fühlst, aber trotzdem weiterlernst, weil du Angst hast, etwas zu verpassen - dann ist es zu viel. Dein Gehirn braucht Schlaf, Bewegung, Pausen. Eine Studie der TU Wien zeigt: Schüler:innen, die täglich mindestens 15 Minuten Entspannung einplanten, litten 27,8 % weniger unter Stress. Qualität zählt mehr als Quantität. 3 Stunden konzentriertes Lernen mit Pause sind besser als 8 Stunden mit Ablenkung und Angst.
Was tun, wenn ich mich völlig überfordert fühle?
Sprich mit jemandem - nicht mit einem Freund, der sagt "Du schaffst das", sondern mit jemandem, der helfen kann: der Schulpsychologischen Beratungsstelle, einem Vertrauenslehrer, einem Therapeuten. In Graz, Wien, Salzburg und anderen Städten gibt es kostenlose Angebote speziell für Maturant:innen. Du bist nicht allein. 68,3 % der Schüler:innen haben mindestens einmal eine Panikattacke während der Vorbereitung erlebt. Du hast nicht versagt, wenn du Hilfe brauchst - du hast dich selbst respektiert.
8 Kommentare
Nick Ohlheiser
Ich hab das gelesen und einfach nur... geweint. 😭 Nicht weil ich traurig bin, sondern weil endlich mal jemand gesagt hat, was ich seit Jahren fühle. Die Matura war mein persönlicher Krieg – und keiner hat mir gesagt, dass es okay ist, nicht perfekt zu sein. Ich hab 14 Stunden am Tag gelernt, hab Schlaf verpasst, Freunde vernachlässigt… und am Ende war es nur ein Zettel. Ein Zettel, der mein ganzes Leben bestimmen sollte? Nein. Ich hab’s geschafft – aber ich hab mich dabei fast verloren. Danke für diesen Text. Endlich fühle ich mich gesehen.
Torolf Bjoerklund
Typisch Österreich. Alles wird zu einer Lebenskrise hochstilisiert. 🤦♂️ In Norwegen macht man die Matura, geht in die Werkstatt, wird Elektriker – und lebt ein erfülltes Leben. Wer sich wegen einer Prüfung psychisch umbringt, hat wohl nie was von echtem Leben gehört. Stoppt die Therapie-Kultur. Einfach machen. Nicht denken. Nicht jammern. Leben.
Christoffer Sundby
Torolf, du hast einen Punkt – aber du verpasst die Essenz. Es geht nicht darum, ob man in Österreich oder Norwegen lebt. Es geht darum, dass wir junge Menschen mit einer Struktur quälen, die nicht mehr zeitgemäß ist. Ich hab als Lehrer gesehen, wie Schüler nach der Matura in Therapie gehen – nicht weil sie schwach sind, sondern weil das System sie kaputtgemacht hat. Die Atemübungen? Die Pomodoro-Methode? Das sind keine Wellness-Trends. Das sind Überlebensstrategien. Und sie funktionieren. Einfach ausprobieren. Nicht abwerten.
Jamie Baeyens
Die wahre Tragödie ist nicht die Matura – sie ist die kollektive Selbsttäuschung, dass Bildung jemals etwas mit Leistung zu tun hatte. 🤔 Wir haben das menschliche Wesen in ein Messsystem gepresst, das von Banken und Industriekonzernen erfunden wurde. Wer sagt, dass eine Note den Wert eines Menschen misst? Niemand. Aber alle glauben es. Und das, meine Freunde, ist die wahre Diktatur: die Diktatur der Norm. Die Matura ist nur das Symptom. Die Krankheit ist unsere Gesellschaft. 🌑
Gerhard Lehnhoff
HAHAHAHAHA 😂😂😂 5 Minuten Atmen? Pomodoro? Das ist doch der absolute Wahnsinn! Wer das ernst meint, hat noch nie eine echte Prüfung hinter sich. Ich hab 3x Matura wiederholt – und wusste immer: Wer nicht 10h am Tag lernt, hat verloren. Und jetzt kommt jemand und sagt, man soll ‘sich selbst trösten’? 😭 Das ist kein Rat, das ist ein Verbrechen an der Bildung! Wer nicht leidet, wird nicht stark! Wer nicht schläft, wird nicht erfolgreich! Wer nicht weint, hat nichts erreicht! #RealTalk
Anton Deckman
Gerhard, du bist nicht allein mit deiner Haltung – aber du bist nicht richtig. 😌 Ich hab auch gedacht: Wer nicht leidet, hat nichts verdient. Bis ich meine Schwester gesehen hab – 17 Jahre alt, mit Burnout, nachts im Bad, weinend, weil sie Angst hatte, ihre Eltern zu enttäuschen. Sie hat nicht versagt. Das System hat sie versagt. Die Atemübungen? Die sind kein Zeichen von Schwäche. Sie sind der erste Schritt zurück zu sich selbst. Und das ist der stärkste Akt, den ein Mensch tun kann: sich selbst zu wählen. Nicht die Erwartungen. Nicht die Noten. Sich selbst.
Alexandra Schneider
ich hab das gelesen und war so gerührt... ich bin lehrerin und sehe jeden tag wie viele kinder einfach nur erschöpft sind. sie schlafen nicht, essen nicht, reden nicht mehr. ich hab letzte woche einem schüler gesagt: es ist ok, wenn du nicht perfekt bist. er hat nur genickt... und dann geweint. bitte, alle die das lesen: fragt eure kinder, nicht nach den noten. fragt, wie sie sich fühlen. das zählt mehr als alles andere. 🤍
Michelle Fritz
Was für ein Schwachsinn. Jeder, der heute nicht die Matura mit 1,0 schafft, wird später in der Arbeitswelt als Versager abgestempelt. Wer sich mit Atemübungen tröstet, hat keine Zukunft. Deutschland hat das System richtig: Leistung zählt. Punkt. Wer nicht kann, soll gehen. Keine Therapie. Keine Tränen. Keine Entschuldigungen. Wer schwach ist, hat nichts verloren. Und wer das nicht versteht, gehört nicht in die Zukunft.