Schulfinanzierung in Österreich: Regionale Unterschiede und der Chancenbonus 2026

Im Schuljahr 2026/27 startet in Österreich ein neues System, das die Art und Weise, wie Schulen finanziert werden, grundlegend verändert: der Chancenbonus. Dieses Programm soll nicht einfach mehr Geld in die Bildung stecken, sondern gezielt dort helfen, wo die Kinder am wenigsten Chancen haben - unabhängig davon, ob sie in Wien, Graz oder im Burgenland zur Schule gehen. Es ist kein gewöhnliches Förderprogramm. Es ist eine Antwort auf jahrzehntelange Ungleichheit, die sich in den Schulen zeigt: Kinder aus Familien mit niedrigem Bildungsstand, geringem Einkommen oder ohne Deutsch als Erstsprache hatten bislang oft weniger Unterstützung - einfach weil ihre Schulen weniger Geld hatten.

Was ist der Chancenbonus wirklich?

Der Chancenbonus ist eine sozial indizierte Schulfinanzierung. Das klingt kompliziert, ist aber einfach: Schulen bekommen mehr Geld, je schwerer die soziale Lage ihrer Schüler ist. Kein Zufall, kein Zuteilungs-System, das auf Zahlen aus den 90ern basiert. Sondern ein System, das mit Daten arbeitet, die man nicht verhandeln kann: Wie viele Eltern haben nur den Pflichtschulabschluss? Wie viele Kinder sprechen zu Hause kein Deutsch? Wie viele Familien leben von Hartz-IV-ähnlichen Leistungen? Diese Fakten werden von der Statistik Austria in eine sogenannte Sozioökonomische Ausgangslage (SÖL) übersetzt - und nur Schulen mit den höchsten SÖL-Werten (Kategorie 1 und 2) kommen in Frage.

400 Schulen in ganz Österreich werden davon profitieren: 244 Volksschulen und 156 Mittelschulen. Sie bekommen jährlich durchschnittlich 162.500 Euro zusätzlich. Das sind rund 580 Euro pro Schüler und Jahr. Aber es geht nicht nur um Geld. Es geht um Personal. Insgesamt werden bis zu 800 neue Vollzeitstellen geschaffen - das bedeutet, dass Schulen jetzt Lehrer, Pädagogen, Sozialarbeiter oder Sprachförderkräfte einstellen können, die sie sich vorher nicht leisten konnten.

Warum ist Wien so stark vertreten?

Die Verteilung der 400 Schulen ist nicht zufällig. Wien erhält 227 davon - das ist mehr als die Hälfte. Oberösterreich kommt auf 60, die Steiermark auf 41. Niederösterreich, Salzburg, Tirol, Vorarlberg - alle haben deutlich weniger. Und das Burgenland? Nur eine einzige Schule.

Das spiegelt nicht etwa eine ungerechte Entscheidung wider, sondern die Realität. Wien hat die höchste Dichte an Familien mit niedrigem Bildungsstand, geringem Einkommen und hohem Migrationsanteil. In manchen Stadtteilen wie Donaustadt, Simmering oder Mariahilf ist der Anteil von Kindern, die zu Hause kein Deutsch sprechen, höher als 50 Prozent. In diesen Schulen gibt es oft nur zwei Lehrer für 60 Kinder mit Sprachförderbedarf. Der Chancenbonus soll genau dort helfen, wo die Herausforderungen am größten sind.

Aber das wirft auch Fragen auf: Was ist mit ländlichen Regionen? In Kärnten oder dem Burgenland gibt es oft weniger Migranten, aber viele Familien, die von Hartz-IV leben, weil es kaum Arbeitsplätze gibt. Warum bekommen diese Schulen so wenig? Die Antwort liegt in der Methode: Die SÖL-Kategorisierung misst nicht nur Armut, sondern auch Bildungs- und Migrationshintergrund. In ländlichen Gebieten ist der Migrationsanteil oft geringer - das heißt, die SÖL-Werte fallen niedriger aus. Das ist kein Fehler des Systems - aber es zeigt: Armut in ländlichen Regionen wird anders gemessen als in Städten. Und das könnte künftig zu neuen Ungleichheiten führen.

Austrian map with glowing hotspots showing Chancenbonus schools, Vienna most prominent, rural areas dim, symbolic figures emerging from bright zones.

Was hat das Pilotprojekt gebracht?

Bevor der Chancenbonus 2026 landesweit startete, wurde er von 2021 bis 2025 in einem Pilotprojekt namens "100 Schulen - 1000 Chancen" getestet. 100 Schulen bekamen genau die gleichen Mittel, die jetzt alle 400 erhalten. Eine Schulleiterin aus Wels, die dabei war, sagte: "Wir haben uns gesehen und wertgeschätzt gefühlt. Vorher war es so, als würden wir ums Überleben kämpfen. Jetzt können wir planen." Sie hat mit dem Geld Sprachförderprogramme aufgebaut, Sozialarbeiter eingestellt und die Schulpsychologie ausgebaut. Kein teurer Computer, kein neues Sportgerät - sondern Personal, das Zeit hat. Zeit, mit Kindern zu reden, mit Eltern zu sprechen, mit anderen Schulen zu kooperieren. Das ist der Unterschied: Der Chancenbonus gibt nicht Geld für Dinge, die man kaufen kann. Er gibt Geld für Menschen, die etwas verändern.

Was passiert mit den anderen Schulen?

Es gibt in Österreich über 3.000 Schulen. Nur 400 bekommen den Chancenbonus. Das bedeutet: 2.600 Schulen bleiben bei der alten Finanzierung - mit gleichen Mitteln für reiche und arme Viertel. Die Arbeiterkammer und Bildungsexperten sagen klar: Das ist nicht gerecht. Sie fordern einen flächendeckenden Chancenindex. Das heißt: Jede Schule bekommt Geld - aber in Abhängigkeit von ihrer sozialen Lage. Eine Schule in Salzburg mit hohem Migrationsanteil würde mehr bekommen als eine Schule in St. Pölten mit hohem Akademikeranteil. Der Chancenbonus ist ein erster Schritt. Aber er ist kein Ende.

Und es geht nicht nur um Finanzierung. Es geht auch um Lehrermangel. In vielen belasteten Schulen fehlen Lehrer - nicht weil sie nicht wollen, sondern weil sie sich keine Arbeit in einer Schule mit 70 Prozent Sprachförderbedarf und nur zwei Sozialarbeitern vorstellen können. Der Chancenbonus hilft, aber ohne mehr Lehrer und bessere Arbeitsbedingungen bleibt die Situation schwierig.

Balance scale with textbooks on one side and educators as pillars on the other, child walking toward sunrise, symbolizing educational equity.

Was kommt danach?

Die Regierung hat versprochen, den Chancenbonus mindestens fünf Jahre lang zu finanzieren. Das ist wichtig. Schulen brauchen Planungssicherheit. Sie können nicht jedes Jahr neu entscheiden, ob sie eine Sozialarbeiterin einstellen oder nicht. Sie brauchen stabile Strukturen.

Parallel dazu wird die Schulpsychologie ausgebaut: Bis 2027 gibt es 390 Stellen statt 195. Das ist ein großer Schritt. Denn Kinder, die zu Hause Gewalt erleben, die sich in der Schule nicht sicher fühlen oder die ihre Eltern nicht erreichen können - die brauchen jemanden, der da ist. Und das ist jetzt möglich.

Die große Frage ist: Wird der Chancenbonus wirklich zu mehr Bildungsgerechtigkeit führen? Oder wird er nur ein Symbol sein? Die Antwort liegt in der Evaluation. Werden die Noten der Kinder besser? Steigt die Motivation? Sinkt die Zahl der Schulabbrecher? Werden Eltern häufiger in die Schule kommen? Diese Zahlen werden in den nächsten Jahren entscheiden, ob der Chancenbonus ein Erfolg wird - oder nur ein teurer Versuch.

Was bedeutet das für dich als Elternteil oder Lehrer?

Wenn du in Wien, Oberösterreich oder der Steiermark lebst, könnte deine Schule ab 2026 mehr Unterstützung bekommen. Das bedeutet: Kleine Klassen, mehr Sprachförderung, ein Sozialarbeiter, der mit deinem Kind spricht, oder eine Schulpsychologin, die dir hilft, wenn dein Kind Angst vor der Schule hat. Das ist kein Luxus. Das ist Grundversorgung.

Wenn du in Kärnten oder im Burgenland lebst, könnte deine Schule nicht dabei sein. Das heißt nicht, dass deine Kinder weniger wert sind. Es heißt nur, dass das System noch nicht perfekt ist. Es misst Armut anders. Und das muss sich ändern.

Der Chancenbonus ist kein Wundermittel. Aber er ist der erste Schritt in Österreich, der sagt: Wir geben nicht allen das Gleiche. Wir geben jedem das, was er braucht. Und das ist der Anfang von echter Bildungsgerechtigkeit.